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Wie der Regen auf die Sprache abfärbt

Wie der Regen auf die Sprache abfärbt

Wetterkundler unterscheiden im Deutschen Sprühregen, Landregen, Regenschauer und Wolkenbruch. Im Rheinisch-Bergischenweiß man: Regen ist ein Zeitwort in besonderer Verlaufsform.

Bergisches Land. Geht dem Menschen im Rheinisch-Bergischen der vertikale Niederschlag entschieden auf den Keks, flüchtet er sich seufzend in die kölsche Spruchweisheit: „Wenn et nit rähnt, dann dröppelt et“, womit er bereits zwei Regenarten in einem Satz untergebracht hat. Denn Regen als „Rähn“ ist selbstverständlich etwas völlig anderes Regen, der „dröppelt“.

Denn das Dröppeln, das weiß der Bergische von der „Dröppelmina“, der traditionellen Zinn-Kaffeekanne mit dem ewig undichten, weil vom Kaffeepulver verstopften Hahn, kann dauern. Stundenlang oder länger, zur Not bis die Kanne leer ist. Tropf. Tropf. Tropf. Um diese Zeitspanne angemessen zu beschreiben, wählt der Rheinische gern die besondere Verlaufsform, die in dieser Schönheit nur seiner Sprache gegeben ist. Er sagt dann: „Et is am dröppeln.“ Und wenn es scheinbar gar nichtaufhören will: „Et is am dröppeln dran.“

Das Standard-Wort für Regen und den Vorgang des Regnens schmückt der Mensch an Rhein und Wupper gerne bildreich aus. Für Regen mit leichtem Seitenwind bespielsweise hat sich aus Bergisch-Gladbach die derbe, aber anschauliche Redensart erhalten „Et rähnt esu schef (schief) wie de Säu seken“, was sich wie die meisten Sprachspiele, in denen Regen und Wasserlassen kombiniert werden, ja selbst übersetzt.

Erstaunlich hoch ist die Zahl der regionalen Verben, die synonym für das regnen verwendet werden: et klatsch, et platsch(t), plätscht, et raucht, et ruscht (rauscht), et schmackt, et schmiss, et schütt, et seckt (seicht), et sift (sippt), et spretz, et tratsch, trätscht, et trötsch. Aus Remscheid-Lennep hat sich die schöne Umschreibung erhalten, es regne derart, dass „me Säcke op de Ledder (Leiter) kann wäsche“, was zu Zeiten des Waschbretts ein naheliegender Vergleich war.

Ändert sich der Klang des Regens („Et rähnt hück, dat et su klatsch“) wird es Zeit, für eines der schönsten regionalen Regen-Verben:

Wenn es derat stark regnet, dass es „plästert“, hat das wetterwissenschaftlich zwei Gründe, mit denen sich der zurecht vergessene Nobelpreisträger Philipp Lenard (1862—1947) beschäftigte: Größe der Tropfen und Fallgeschwindigkeit. Lenard, der sich später mit einer absurden „arischen Physik“ bei den Nazis einschleimte, fand 1898 heraus, dass die Regentropfen niemals schneller als mit einer Geschwindigkeit von 28,8 Stundenkilometern fallen und praktisch nie größer als 0,5 Zentimeter sind; größere Tropfen zerbrechen schon bei einer durchschnittlichen Fallgeschwindigkeit von vier bis fünf Meter pro Sekunde in mehrere kleine Tropfen.

„Plästern“ hat in der Regionalsprache jedoch keineswegs nur die Bedeutung von starken, schnell, anhaltend und lautstark fallendem Regen. „In den Mundarten ist die Grundbedeutung von plästern eine andere, hier bedeutet es ,etwas mit Mörtel verputzen’. Da diese Tätigkeit meist mit einem klatschenden Geräusch verbunden ist, haben sich die übertragenen Bedeutungen in der Umgangssprache herausgebildet (klatschender Regen). Der Pliesterer ist im Rheinland eine mittlerweile veraltete Berufsbezeichnung für einen Verputzer, vorrangig der Gefache eines Fachwerks. Im Niederländischen pleister ,Putz’ und pleisteren ,verputzen’“, erklärt Peter Honnen in seinem jüngsten Wörterbuch zur Umgangssprache an Rhein und Ruhr (siehe Info-Box „Regionalsprache“). Bei „Plästern“, so Honnen, handele es sich um eines der vielen exklusiv rheinischen Lehnwörter aus der Römerzeit: „Es geht auf das lateinische emplastrum ,Pflaster, aufgeschmierte Salbe’ zurück, das die Römer an Rhein und Mosel schon als plastrum ,Mörtel’ kannten. Auch das lateinische emplastrum ist ein Lehnwort, es beruht auf griechisch emplássein ,aufschmieren’. Das umgangssprachliche plästern ist also mit dem hochdeutschen Pflaster verwandt.“

Weil die Regenwissenschaft eine exakte ist, unterscheidet sie nicht nur zwischen abgesetzter (Tau, Reif, Nebelnässen) und abgelagertem (Decken aus Schnee, Hagel, Eis usw.) Niederschlag, sondern auch zwischen noch fallendem und schon gefallenen Niederschlag in Form von Regen, Schnee, Graupel und Hagel.

Die Sprache hebt diese Grenze in den Regen-Verben siefen, siffen, spiepen („Et is draußen am siffen wie Sau“; „Wat is dat widder am siefen!“) auf das Schönste auf. Denn im Bergischen Landes kann es durchaus passieren, dass es zunächst ergiebig von oben „am siepen“ ist - und dann am Boden. Denn „siepen“ tut auch Wasser, das am Boden entlang läuft oder sich in der einen oder anderen Form (ab einer besseren Pfütze oder größer) sammelt. „Nach all dem Rähn is der Siepen randvoll“, heißt es dann. Ein Siepen als Wasserlauf oder sogar Quelle ist als das Ergebnis davon, dass es gesiept hat. Und wieder spiept: „Dä Hang is jetz so nass, dat Waater siept all öbberall ruut.“

Angesichts der sprachlichen Regen-Vielfalt fällt eigentümlich auf, wie wenig sich davon in deutschen Gedichten wiederfindet. Von den größeren Namen scheint einzig der Rheinländer Clemens Brentano (1778—1842) gefallen an dem nassen Dauer-Schauspiel gefunden zu haben und lässt sein Gedicht „Fröhlicher Regen“ mit den Zeilen enden: Und der Regenriese, Der Blauhimmelhasser, Silbertropfenprasser, Niesend fasst er in der Bäume Mähnen, Lustvoll schnaubend in dem herrlich vielen Wasser. Und er lacht mit fröhlich weißen Zähnen Und mit kugelrunden, nassen Freudentränen.

wz.de/regenzeit