Betreuung: Wenn Kinder aus der Familie herausgerissen werden

Betreuung : Wenn Kinder aus der Familie herausgerissen werden

Tabea Pioch ist Bereitschaftspflegemutter. Mit einer Petition will sie erreichen, dass Kinder nicht zu lange in Übergangsfamilien bleiben, da sonst die Bindung zu eng wird. 50 000 Unterschriften benötigt sie.

Neugierig läuft Nils (Name von der Redaktion geändert) zur Haustür. Gerade hat es geklingelt, natürlich will der zweieinhalbjährige Junge wissen, wer da vor der Tür steht. „Das ist Nils“, stellt Tabea Pioch dem Besucher den Jungen vor. Und der sagt aufgeweckt und hellwach: „Meine Mama heißt Mama.“ Er ist lebhaft und fühlt sich offensichtlich pudelwohl. Niemand würde ahnen, dass Nils nur Gast in der Familie ist.

Die 39-jährige Burscheiderin ist so genannte Bereitschaftspflegemutter. Sie betreut spontan in ihrer Familie mit ihrem Mann, ihrer Tochter (12) und ihren beiden Jungen (10 und 7) seit 2014 Kinder, die nicht mehr in deren Familie leben können. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Krisen- oder Gefährdungssituationen sind damit gemeint. Überforderung, Gewalt, Drogensucht – all dies können die Gründe dafür sein. „Bei Nils war es so, dass seine Mutter sich derzeit um ihre eigene Erkrankung kümmern muss. Sie merkt, dass sie ihrem Sohn gerade nicht das geben kann, was er von ihr benötigt““, erklärt die 39-Jährige. Und der Vater habe kein Sorgerecht für den Sohn.

Nun müsse geklärt werden, wie alles weitergeht. Ein Prozess, der lange dauern kann, weil Behörden und manchmal auch gerichtliche Instanzen über die Perspektive des Kindes entscheiden müssen. Kommen sie in eine Dauerpflegefamilie oder werden sie zur Herkunftsfamilie zurückgeführt? Häufig dauert das zu lange, wie Tabea Pioch findet. „Vorübergehend“ oder „kurzfristig“, wie es aus ihrer Sicht für alle Beteiligten sinnvoll ist, sei es auf jeden Fall zumeist nicht. Ein Jahr sei keine Seltenheit, von zwei bis vier Jahren sogar, habe die Burscheiderin schon gehört.

Schon das erste Betreuungskind blieb 13 Monate bei der Familie

Schon bei ihrem ersten Betreuungskind habe sie gemerkt, dass die lange Dauer keine Ausnahme sei. Es blieb 13 Monate. „Ich habe immer häufiger bemerkt, dass die lange Verweildauer in den Familien keine Seltenheit ist“, sagt die dreifache Mutter. „Das Kindswohl steht leider immer noch an letzter Stelle.“ Das Kind,  in ihrem Fall immer mindestens ein Jahr jünger als der jüngste Sohn, baue mit jedem Monat mehr eine immer engere Bindung zu den Mitgliedern der Pflegefamilie auf. „Es wird für das Kind immer schwieriger, weil die familiären Mechanismen mehr und mehr ineinandergreifen.“ Obwohl es schon durch den Verlust eines oder beider Elternteile traumatisiert sei, drohe dann dieses Schicksal noch mal.

Und nicht nur für den kleinen Gast sei die Situation dann mit einem Drama verbunden. „Auch für meine Kinder war das besonders bei unserem ersten Pflegekind enorm schwierig. Es war wie ein Geschwisterkind für sie.“

Einen direkten Vorwurf an Personen, die in den Prozess eingebunden sind, macht sie nicht. Vielmehr sei es – wie so oft – eine Frage des personellen Einsatzes. Die Jugendämter seien froh, wenn sie ein Kind in einer Pflegefamilie untergebracht hätten - es stünden viel zu wenige zur Verfügung – und die Zahl der Inobhutnahme würden steigen. Und bei den Familienrichtern türmten sich die Akten mit den Fällen.

Um künftig schnellere Entscheidungen herbeizuführen, hat sie kürzlich eine  Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestages gerichtet. Im November dieses Jahres muss sie ein Quorum von 50 000 Unterschriften haben. Dass die Messlatte so hoch liegt, habe sie selbst so gewollt. „Dann kann ich persönlich zum Petitionsausschuss gehen.“ Davon verspreche sie sich, ein besseres Gehör für die Sache zu finden als nur mit dem Schriftsatz in einem Kuvert. Bislang hat sie allerdings erst etwas über 2000 Unterschriften gesammelt.

Manchmal sei es schon schwierig, für das Thema überhaupt ein offenes Ohr zu finden. Sogar bei denen, die sich genau damit rühmen, genau das tun zu wollen. Alle Burscheider Parteien habe sie beispielsweise angeschrieben, eine Rückmeldung habe sie nur vom Bündnis für Burscheid bekommen, mit dem Hinweis, dass alle Mitglieder über den Sachverhalt informiert würden und sie die personelle Situation in den Ämtern genauso kritisch sähen. Alle anderen haben ihr Anliegen demnach komplett ignoriert. Sie wären zwar auch nur ein kleiner Teil auf der Unterschriftenliste gewesen, viel wichtiger sei ihr aber dabei gewesen, dass das Engagement für das Kindswohl weitergetragen worden wäre.

Und so träumt Tabea Pioch vom ganz großen Wurf: „Wir gehen gerne ins Stadion zum FC. Da hätten wir auf einen Schlag 50 000 zusammen.“

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