Suchtwoche: Die Geschichte einer Trinkerin

Suchtwoche: Die Geschichte einer Trinkerin

Anonyme Alkoholiker erzählen in Burscheider Schulen von ihrem Kampf gegen die Sucht, der niemals endet.

Burscheid. Sie sitzt auf einem kleinen Stuhl, die Beine über Kreuz, die Hände aufs Knie gelegt, ein angedeutetes Lächeln auf den Lippen. 20 Achtklässler hocken erwartungsvoll im Halbkreis um sie herum; neben ihr sitzt Walter* (73), der einzige im Raum, der weiß, wie sie fühlt. Ohne einzuhalten, erzählt sie: "Es gab Zeiten in meinem Leben, da war ich nie richtig nüchtern. Zum Frühstück trank ich Bier, überall im Haus hatte ich meine Verstecke. Ich wusste, dass ich krank war. Die Hilflosigkeit habe ich wieder mit Alkohol betäubt. Ich habe exzessiv gesoffen."

Sucht hat immer eine Geschichte, so der Titel der landesweiten Aktionswoche. Dies ist ist die Geschichte von Esther*. Die 65-Jährige ist seit 20 Jahren trocken, eine Alkoholikerin ohne Alkohol, Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern (AA). Hätte sie damals den Absprung von der Sucht nicht geschafft, sagt sie mit starren Gesichtszügen, "wäre ich nicht mehr am Leben".

Mann, Tochter, die Enkelkinder - sie alle sahen hilflos zu, wie sich Esther über Jahre nahezu in den Tod soff. Die Verzweiflung der Angehörigen hat Walter selbst gefühlt. Seine Frau ist Alkoholikerin, seit acht Jahren abstinent. Er wäre vermutlich auch Trinker geworden, räumt er ein, wenn ihn nicht eine andere Krankheit abgehalten hätte. Seine Frau geriet im Stress von Familie und Beruf in den Strudel der Sucht. "Sie dachte, sie könnte es kontrollieren." Ein Trugschluss, wie beide heute wissen: "Für den Alkoholiker ist der Alkohol ein Medikament, das er braucht, um zu funktionieren."

Bei 13 bis 15 Jahre alten Jugendlichen ist Sprachlosigkeit selten zu beobachten. Die 8a der Friedrich-Goetze-Hauptschule ist nach den ehrlichen Berichten jedoch kollektiv verstummt. Lehrerin Elke Keller sagt: "So habe ich sie noch nie erlebt. Alle erscheinen ziemlich betroffen."

Das Schlimmste an der Sucht, sagt Esther, sei die Isolation gewesen. Vor anderen Menschen habe sie immer vermieden zu trinken; sie habe immer die Heimlichkeit gesucht. Wenn sie auf Partys eingeladen wurde, trank sie in der Gesellschaft maßvoll. "Vorher hatte ich mir zu Hause aber schon den richtigen Pegel angetrunken." Und was heißt heimlich? "Tatsächlich wusste es jeder." Walter appelliert, nicht wegzuschauen: "Jeder hat eine Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber und muss Probleme offen ansprechen."

Erst als eine Nachbarin sie direkt auf ein Suchtproblem ansprach und die Anonymen Alkoholiker empfahl, sah Esther klarer. Einen Rückfall hat sie seitdem nicht erlitten. Allderdings habe sie in der Anfangszeit ihrer Abstinenz "panische Angst" gehabt, wenn sie nur am Schnapsregal im Supermarkt vorbeiging. Und noch heute sagt sie sich nicht, dass sie nie wieder trinken werde. Ihr täglicher Vorsatz lautet: "Heute trinke ich nicht." Darum grüßen sich AA-Mitglieder auch stets so: Gute 24 Stunden!

*Die Namen sind von der Redaktion geändert.

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