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Ökokonto soll Defizit ausgleichen

Ökokonto soll Defizit ausgleichen

Wer mit einem Bauprojekt in die Natur eingreift, muss dafür einen Ersatz schaffen. Die Stadt hält extra für diesen Zweck Ausgleichsflächen vor.

Burscheid. Wer mit Baumaßnahmen in die Natur eingreift, muss sie dort oder an anderer Stelle wieder herrichten: Ausgleichsmaßnahme wird dies genannt, und gesetzlich verankert ist das Prinzip im Baugesetzbuch. Das klingt ökologisch plausibel und scheint in der praktischen Umsetzung einfach.

Früher war das vielleicht tatsächlich mal so: Privaten Bauleuten wurde vorgeschrieben, was sie neu als Ersatz zu pflanzen hatten. Und dafür sorgten sie dann in Eigenregie. Der Ausgleich wurde vollständig im Bebauungsplan vorgesehen. "Doch das war nicht praktikabel, wie die Erfahrung zeigte", erinnert der städtische Umweltbeauftragte Uwe Graetke an die problematische Verwaltungspraxis noch vor wenigen Jahren.

Mit einem so genannten Flächenpool und Ökokonto entschied sich die Stadt vor etwa drei Jahren für einen anderen Weg: Wird heutzutage ein Bebauungsplan aufgestellt, wird das entstehende ökologische Defizit, das nicht im Bebauungsplan ausgeglichen werden kann, durch Ausgleichsmaßnahmen an anderer Stelle im Stadtgebiet ausgeglichen.

Auch hier ist zumindest das Prinzip einfach: "Vor dem Eingriff wird der Ist-Zustand bewertet", erläutert Graetke. Bäume, Pflanzen und selbst der Erdboden haben einen bestimmten Wert, der in einem gestaffelten Punktesystem festgehalten wird. Alte Streuobstwiesen (die eigentlich gar nicht angetastet werden sollen) schlagen mit zehn Ökopunkten pro Quadratmeter zu Buche, eine versiegelte Fläche wie eine asphaltierte Straße hat mit 0 Punkten praktisch keinen ökologischen Gegenwert. Für letztere muss der Bauherr somit auch keine Ausgleichsmaßnahme treffen. Aber die Punkte der gesamten Baufläche werden addiert - und mit dem Neuzustand verrechnet: Wer auf dem neuen Grund Bäume pflanzt oder Flächen entsiegelt, bekommt somit Punkte wieder gutgeschrieben.

Die umfangreichste aktuelle Baumaßnahme ist das Gewerbegebiet Straßerhof. "Bei dieser Baumaßnahme gibt es ein erhebliches Defizit", sagt Stadtplaner Björn Remer, der für die Einbuchung der Punkte auf dem städtischen Ökokonto zuständig ist. Für über 100 000 Ökopunkte muss der Investor bezahlen, damit die Stadt an anderen Flächen Ausgleichsmaßnahmen schaffen kann. "Dafür sind wir zurzeit auf der Suche", erklärt Graetke, der für die Umsetzung zuständig ist.

Um die fehlenden Ökopunkte in Form von Natur zurückzugeben, sollen unter anderem rund 12 Hektar Wald umgewandelt werden. Revierförster Karl Zimmermann hält zurzeit Ausschau nach geeigneten Nadelwäldern in öffentlichem, aber auch privatem Bestand, die gerodet werden können. Durch eine anschließende Aufforstung mit standortheimischen Laubgehölzen kann das Ökokonto für die Baumaßnahme in Straßerhof wieder in die Waage gebracht werden. Derartige Waldumwandlungen sind zwar wie in diesem Fall äußerst umfangreich, erklärt Graetke, nach der Anpflanzung der Gehölze könne der Wald allerdings relativ pflegeleicht als Ausgleichsfläche vorgehalten werden. Eine Streuobstwiese bringt zwar pro Quadratmeter mehr Punkte ein, sie ist aber durch den Baumschnitt und das Mähen sehr pflegeintensiv (so muss eine Ausgleichsfläche mindestens 30 Jahre existieren). Und: Durch die Anlegung von Streuobstwiesen als Ausgleichsflächen zur Einführung des Ökokontos hatten die Landwirte Alarm geschlagen. Sie verloren immer mehr Fläche und fürchteten um ihre Existenzen. Und noch Anfang dieses Jahres erklärte Frank Paas, Vorsitzender der Ortsbauernschaft: "Unser größter Konkurrent sind die Bauvorhaben." Die Kritik sei im Rathaus angekommen, erklärt Graetke zu den Streuobstwiesen. "Wir achten darauf, dass durch Maßnahmen im Rahmen des Ökokontos der Landwirtschaft keine weiteren benötigten Flächen entzogen werden und haben daher auch auf die Umsetzung von drei geplanten Ausgleichsmaßnahmen verzichtet."

Neben Streuobstwiesen, Aufforstungen und Waldumwandlungen gibt es noch weitere Möglichkeiten des Ausgleichs, um das Ökokonto zu entlasten. Im Rahmen der Umweltwoche hatten Montanusschüler im Mai beispielsweise mit dem Forstamt Kleinstbiotope an der Wiehbachquelle angelegt: Nistkästen, Steinhaufen als Unterschlupf für kleine Kröten und Holzhaufen für Lurche. In der Nähe soll möglichst bald ein Rohrsystem zur Renaturierung des Baches entfernt werden. Und damit zeigt sich laut Uwe Graetke auch ein weiterer Vorteil der organisierten Form von Ausgleichsmaßnahmen. "Wir können an zusammenhängenden Flächen etwas für die Umwelt leisten."

Dennoch stecken in der Erfassung für das Ökokonto noch Kinderkrankheiten: "Es gibt viele unterschiedliche Bewertungsysteme", sagt Björn Remer. Bei der Extensivierung von Bachauen biete sich eine andere Berechnung als bei Streuobstwiesen an. Und: Eingriff sowie Ausgleich müssen nach dem selben Verfahren berechnet werden. Graetke: "Mann kann hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen."