Erzählkonzert: Nervensäge wird in die Herzen der Zuschauer gepustet

Erzählkonzert: Nervensäge wird in die Herzen der Zuschauer gepustet

Vor mehr Zuschauern als erwartet wurde am Samstag „Der kleine Häwelmann“ in der Stadtbücherei aufgeführt.

„Mehr, mehr, mehr!“ War das Lieblingswort des kleinen Jungen in seinem rollenden Bettchen. Offenbar hatte er mit diesem dringenden Ruf schon vor Beginn der Erzähltheater-Stunde eins erreicht: In der Stadtbücherei waren mehr Stühle besetzt als erwartet, dazu kamen die vielen erwartungsvollen Jüngsten, die ihren kuscheligen Sitzplatz auf dem Schoß ihrer Eltern oder Großeltern genossen.

Der nimmermüde Märchenjunge aus der Geschichte von Theodor Storm nervte seine Mama wohl ständig mit seinen Extrawünschen, also hatte er schon von der Wiege an den Namen „Häwelmann“ weg, der in netter Form das Gleiche ist wie Nervensäge. 1849 vom Autor für seinen Sohn geschrieben und mit den meisterhaft ausgestalteten Original-Illustrationen im Jugendstil nach Else Wenz-Vietor, erschien das renitente  Kleinkind 1926 als Bilderbuch. In der  Zusammenarbeit des Kulturvereins, der Musikschule und der Stadtbücherei wurde der Klassiker ausgewählt und so pustete sich das Kerlchen am Samstagvormittag in die Herzen aller kleinen und großen Zuschauer. Ins direkte Geschehen mit einbezogen wurden alle Besucher der Veranstaltung.

Katharina Ortlinghaus verstand es mit wenigen, präzisen Zeichen, die Rhythmen der im Raum verteilten Rasseln und Klingeln in die Lieder einzubinden, die ihre Klarinette, die Gitarre mit Thomas Schaaf und das Keyboard mit Konstantin Kramer die Textpausen musikalisch füllten. Als angenehme Vorlese-Stimme ergänzte die ausgebildete Märchenerzählerin Dorothee Rüßmann die farblich klaren Bilder mit den spannenden Erlebnissen des neugierigen Häwelmann.

Dass so ein Vorwitz anders ausgehen kann als gewünscht, wurde auch den jüngsten Besuchern klar. Nein, das war gar nicht nett vom kleinen Häwelmann! Mit seinem rollenden Bett über die Nase vom lieben Mond zu fahren – er schaltete sein Licht ab und schickte auch seine Sterne wieder nach Hause. Da wurde das ungeduldige „Mehr, mehr!“ sehr still, und die Irrfahrt durch die Wolken endete bei den Fischen im Ozean. „Und wären du und ich nicht zur Stelle gewesen und hätten Häwelmann aus dem Wasser gezogen – wer weiß, was noch hätte Schlimmes passieren können!“

Lasse, Len und Lias Krüger bekamen die Geschichte zwar von ihrer Mama bereits einmal vorgelesen, sie fanden die großen Bilder, die Musik und die Kinderlieder sehr schön. Als kleine Singe-Gruppe hatten sich vier Schülerinnen der Dozentin Sybille Hummel spontan bereit gefunden, einige tradionelle Abendlieder der Geschichte beizufügen.

Yulia Farbischewski, Leiterin der Stadtbücherei, war über die unerwartet hohe Besucherzahl sehr erfreut.

Mehr von Westdeutsche Zeitung