Ministerwarnung vor Schokoflecken

Ministerwarnung vor Schokoflecken

Ursula von der Leyen war in der Europazentrale von Johnson Controls zu Gast. Jetzt weiß sie, wie kompliziert das Sitzen im globalen Automarkt sein kann.

Burscheid. Und plötzlich ist sie einfach da. Pünktlich auf die Minute. Zu pünktlich für den großen Bahnhof. Als Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit dem Tross rheinisch-bergischer Parteifreunde aller Entscheidungsebenen im Schlepptau das Foyer der Europazentrale von Johnson Controls (JC) erreicht hat, muss sie einen Moment etwas ratlos verharren, ehe Geschäftsführer Reiner Spatke die Treppe herunterkommt, um den hohen Gast zu begrüßen.

Die Kunst des Wahlkampfmanagements besteht darin, mit einem Termin möglichst viele Interessen zu bedienen. Eine zumindest in diesem Ressort noch neue Ministerin kann sich über ein weltweit operierendes Unternehmen informieren, das Unternehmen sich mit der Ministerin schmücken - und die Landtagskandidaten gleich mit allen beiden.

Aber wenn das alles in eine Stunde passen soll, muss es zügig gehen. Spatke gewährt routiniert und in dem unnachahmlichen angloinfiltrierten Wirtschafts-Kauderwelsch einen kurzen Einblick in die Produktwelt des Automobilzulieferers und seinen Umgang mit der Wirtschaftskrise. Dank "Cash-Flow-Management", "Insorcing-Aktivitäten" und "Rightsizing" sei JC "früher als geplant in die Wachstumsphase zurückgekehrt".

Dass der Manager neben der nach wie vor hohen Eigenkapitalquote der Firma und dem Segen der Abwrackprämie auch die verlängerte Kurzarbeitszeit als Grund für die schrittweise Überwindung der Krise aufführt, hört von der Leyen gern: "Das Ausland sieht mit Verblüffung, dass der als sperrig geltende deutsche Arbeitsmarkt relativ robust ist." Mit dem Instrument der Kurzarbeit sei es gelungen, die Fachkräfte in den Unternehmen zu halten, die man bei verbesserter Auftragslage wieder benötige.

Dann übernimmt Entwicklungschef Detlef Jürss die Führung. Er gewinnt das Interesse der Ministerin gleich zu Beginn mit der Erkenntnis, dass Autositze für die kleinen, leichten Asiaten ganz anders geplant werden müssen als für die "kräftigen" amerikanischen Autofahrer - zumal wenn diese den Bezugsstoff noch immer mit ihren dicken Portemonnaies in der Gesäßtasche malträtieren.

Jürss gelingt es dabei geschickt, einen freundlich-verbindlichen Plauderton anzuschlagen, ohne zu werblich oder technisch daherzukommen. Nur an einer gewissen Kurzatmigkeit merkt man seine innere Anspannung, die ihm die immer wieder von außen zugeworfenen Signale zur Einhaltung des Zeitplans bereiten.

Dass er trotzdem mitunter an der Sichtweise seines Gastes vorbeiredet, ist ihm nicht anzukreiden: Als Jürss am Konzeptfahrzeug zukunftsweisende Sitzsysteme präsentieren will, bleibt von der Leyens Blick sofort an den hellen Bezügen hängen: "Dann freuen wir uns schon mal auf die Schokoladenflecken der Kinder", sagt sie. Eine große Familie und vier Jahre als Familienministerin hinterlassen ihre Spuren.

Am Ende dauert der Besuch doch zehn Minuten länger als geplant. Es gibt noch einen kurzen Ausblick auf das JC-Ausbildungsprojekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund und Hauptschulabschluss. Und zum Abschied ist der große Bahnhof vollständig: Wolfgang Bosbach, Rainer Deppe, Holger Müller, Stefan Caplan, Erika Gewehr, Jörg Baack und Manfred Idel Seite an Seite mit der Ministerin und den Managern.

Jetzt aber ab nach draußen. Der Motor des Dienstwagens läuft schon.

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