Bühne : „Wir wollen unbedingt spielen“

„Wir wollen unbedingt wieder Theater spielen, auch wenn die Gegenwart zurzeit ein schwieriges Feld ist. Wir haben als letztes Kölner Theater am 14. März gespielt und werden jetzt mit unserer Premiere am Samstag die Ersten sein, die zurückkehren“, sagt Intendant Heinz Simon Keller.

Zweieinhalb Monate war sein Haus jetzt wegen der Corona-Krise geschlossen. Nun kehrt man am 30. Mai mit der Premiere des Tanztheater-Stücks „Das Experiment“ von Bibiana Jiménez wieder zurück ins Rampenlicht. Zwei Tänzerinnen werden dabei auf der Bühne stehen, die Stimme der Schauspielerin kommt aus dem Off. Bei der Probebühne schaffte man mit großflächig angebrachter Plastikfolie kurzerhand ein corona-sicheres Bühnenbild.

Im Zentrum der Premiere stehen die 20er Jahre, in denen die „Neue Frau“ kämpferisch und selbstbestimmt ihr Leben in die Hand nahm. Zu diesen Frauen gehörte die Kölner Künstlerin Marta Hegemann, die zur avantgardistischen Künstlergruppe „Kölner Progressive“ gehörte. Mit ihren Bildern schuf sie eine wohltuende Gegenwelt, die anachronistischen Genderstereotypen trotzte. Das neue Tanzstück versteht sich als ein Experiment zum Thema Weiblichkeit. Bei der intensiven Recherche zum Stück gab es auch den Kontakt zur Enkelin der Künstlerin. Die Premiere findet am Samstag um 19.30 Uhr statt.

Damit kehrt das künstlerische Leben mit Publikum wieder ins Theater der Keller zurück. Dort musste man im vergangenen Sommer Abschied nehmen vom Theater „in der Schuhschachtel“ an der Kleingedankstraße. Als Interim fand man in der TanzFaktur an der Siegburger Straße einen neuen Platz mit einer großen Halle. Erfolgreiche Premieren folgten, die mit dem Lockdown am 14. März ein vorläufiges Ende fanden. „Es stellte sich uns die Sinnfrage, wozu Theater? Aber wir haben einen hauseigenen Optimismus und wollten unbedingt spielen. Theater ist die älteste direkte Form der Kommunikation und der Interaktion. Jetzt haben wir zwei neue Produktion und das bei all der Unwägbarkeiten in der Coronazeit. Aber wir wollten ästhetisch, künstlerisch und inhaltlich auch jetzt unserer Linie treu bleiben“, sagt Keller.

Umzug in den Kartäuserwall 18 erst im September 2021 geplant

Die zweite neue Produktion ist „Der Zauberer von Oz – there is no place like home“ unter der Regie von Tom Müller. „Es ging nicht darum, das Märchen wieder auf die Bühne zu bringen. Unser Stück ist vielmehr die Dekonstruktion dieses Märchens, das das weiße koloniale Erbe hochleben lässt. Es geht um revolutionäre und poetische Alternativen zu diesem anachronistischen Heimatbegriff“, sagt Müller über das Stück, dessen Premiere eigentlich für den 20. März geplant war. Weitere Produktionen, die in dieser Spielzeit noch wiederaufgenommen werden, sind „Terror“ von Ferdinand von Schirach und „Bilqiss“ von Saphia Azzedine.

Grundsätzlich gestalten sich solche Wiederaufnahmen als schwierig, da jetzt auf der Bühne Coronaregeln wie zum Beispiel die Vorgaben beim Abstand eingehalten werden müssen. Auch für das Publikum gibt es ein umfangreiches Hygienekonzept. So werden zum Beispiel die Plätze in der großen Halle von 150 auf 55 reduziert. „Wenn es nicht anders gehen sollte, würden wir ein Stück wie ‚Terror‘ zur Not auch draußen vor der Halle spielen“, sagt Keller und betont, dass man das Thema Covid-19 ernst nehme und entsprechend handele.

In der neuen Spielzeit, die im September beginnt, sind unter dem Titel „Transit Europa“ fünf neue Produktionen geplant. Beim Konzept geht es um die Umbruchszeit in Europa, die durch Corona weiter verschärft wird. Es stellen sich zentrale Fragen, wie die mögliche Spaltung Europas und die Behauptung des demokratischen Systems.

Auch für das Theater der Keller gibt es aktuell eine Umbruchsituation. Nachdem die alte Spielstätte in der Südstadt verlassen wurde, steht das neue Haus in einem ehemaligen Brauereikeller am Kartäuserwall 18 voraussichtlich erst zur übernächsten Spielzeit, also im September 2021, zur Verfügung. Noch immer steht hier die finale Einigung mit dem Verein, der das Gebäude bislang genutzt hat aus, obwohl man beim Theater betont, dass man den Verein in mehreren Bereichen entgegengekommen sei. Dort wird man dann bis zu 150 Plätze für das Publikum zur Verfügung haben.

Gestartet wird die neue Spielzeit nach bisherigem Planungsstand am 4. September mit „Transit“ einem selbst entwickelten Stück nach dem Roman der jüdischen Autorin Anna Seghers. Dieser entstand in den 40er Jahren und ist ein zeitloses Dokument der Verwundbarkeit des Menschen angesichts des Terrors und der Flucht davor. Den Titel des Corona-Songs der Rolling Stones „Living in a Ghost Town“ trägt die zweite Produktion. Sie ist die Abschlussinszenierung der Schauspielschule der Keller. Es geht um das Leben in der Quarantäne, wie es auch die jungen Schauspieler jetzt in der Corona-Krise erleben mussten. Premiere ist am 8. Oktober.

Am 27. November kommt „Das süße Verzweifeln: High Society – Crazy Privacy“ im Theater der Keller erstmals auf die Bühne. Das Stück ist eine Privatkomödie nach Interviews von Gesprächskünstler André Müller. Darin geht es um den Privatwahnsinn und die Fragen „Warum überhaupt leben, wenn man nur verzweifeln kann?“ Für den 29. Januar ist die Premiere von „Heidi Höcke steigt aus“ geplant. In der Polit-Farce geht es um eine AfD-Performerin, die aus der rechten Szene aussteigen will. Nur so recht will man ihr das nicht glauben. Für den Frühsommer ist mir „Agenda“ noch eine Produktion des Jungen Ensemble Theater der Keller geplant, das mit „Danke Merkel“ bereits einen Hit auf die Bühne gebracht hat.

Service: Theater der Keller in der TanzFaktur, Siegburger Straße 233w (Linie 7/Haltestelle: Poller Kirchweg)

www.theater-der-keller.de