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Wirtschaft: „Wir brauchen jetzt ein neues Konzept für unsere Innenstädte“

Wirtschaft : „Wir brauchen jetzt ein neues Konzept für unsere Innenstädte“

Wie erleben Sie gerade die Situation im zweiten Lockdown?

Dr. Nicole Grünewald: Die Situation bei unseren Mitgliedsunternehmen ist zweigeteilt. In der Industrie gibt es viele Unternehmen, die sich gut auf die Situation einstellen und die auch die geforderten Hygieneregeln entsprechend umsetzen konnten. Das sind Unternehmen, die im Moment gut durch die Krise kommen. Der andere Teil ist unmittelbar vom Lockdown betroffen. Dazu gehören Hotellerie und Gastronomie genauso wie die Veranstaltungsbranche und der stationäre Einzelhandel. Da ist die Frustration sehr hoch und die Sorgen sind sehr groß. Gerade die Situation bei den Überbrückungshilfen, die nur sehr bürokratisch beantragt werden können und deren Auszahlung sehr schleppend läuft, machten den Unternehmen zu schaffen. Das wird noch verstärkt, da ein Ende des Lockdowns nicht klar absehbar ist. Diese Belastung ist nicht nur finanziell, sondern auch psychisch. Da stellt sich die bange Frage, welche Unternehmen am Ende diese Krise überstehen werden. 

Die Stimmung ist dann wohl auch entsprechend angespannt?

Grünewald: Die Unternehmen, die gut durch die Krise kommen, erleben derzeit eine sehr anspruchsvolle und anstrengende Zeit. Aber trotzdem ist hier die Stimmung immer noch positiv. Die anderen Unternehmen verzweifeln immer mehr. Wir erleben das immer wieder in den Videokonferenzen, die wir mit Unternehmerinnen und Unternehmern der betroffenen Branchen durchführen. Da fließen auch schon mal die Tränen. 

Was hat sich im Vergleich zum Frühjahr geändert?

Grünewald: Im Frühjahr ging das mit den Hilfen zwar etwas holprig los, dafür konnte man sie unbürokratisch beantragen und das Geld kam nach drei Wochen bei den Unternehmen an. Jetzt ist bei den Überbrückungshilfen alles sehr bürokratisch geworden und das Geld der Novemberhilfen kommt erst jetzt Mitte Februar bei den Betroffenen an. Da spürt man eine sehr große Unzufriedenheit. Die Gastronomie hat seit November geschlossen und bislang sind kaum finanzielle Hilfen angekommen. Dabei hatten die Betriebe noch im Oktober in Lüftungsanlagen, Heizpilze und Zelte investiert, um sicher mit ihren Kunden durch den Winter zu kommen. Da braucht es einen sehr langen Atem, um diese sehr schwierige Situation zu überstehen. 

Wird es in Köln und der Region jetzt den großen Stellenabbau geben?

Grünewald: Das wird sich erst dann zeigen, wenn die Insolvenzantragspflicht nicht mehr ausgesetzt ist. Die Aussetzung wurde immer wieder verlängert und da viele Hilfen noch nicht angekommen sind, wissen viele Unternehmen aktuell nicht, wo sie jetzt finanziell stehen bzw. ob sie die Krise überleben werden. Es ist zu befürchten, dass nicht alle Unternehmen in Köln und der Region gesund aus der Krise herauskommen werden. Außerdem ist es durch die Abstandsregeln und das Homeoffice schwer, neue Mitarbeiter im Unternehmen einzuarbeiten. Daher warten viele Unternehmen mit Neueinstellungen ab. Dabei bleibt der Fachkräftemangel bestehen und kommt nach der Krise wie ein Bumerang zu uns zurück. 

Wie sieht die Lage im Bereich der Ausbildung aus?

Grünewald: Auch hier gibt es eine große Zurückhaltung. Wie soll ein Restaurant, das schließen musste, die Ausbildung gewährleisten? Und ein Unternehmen, das mitten im Lockdown ist und Kurzarbeit beantragen musste, wird keine neuen Lehrstellen schaffen. Anders sieht das noch bei den weniger betroffenen Unternehmen aus, da gibt es durchaus Ausbildungsplätze. Wichtig ist es jetzt, eine Perspektive zu schaffen und eine Exit-Strategie zu entwickeln. Die Unternehmen wollen erst wissen, wie es weiter geht, bevor sie wieder ausbilden können. 

OB Henriette Reker hat sich ziemlich offensiv zur No-Covid-Strategie bekannt. Welche Folgen bringt das mit sich?

Grünewald: Wir wollen alle möglichst schnell aus der Krise und aus dem Lockdown heraus. Der Idee, den Lockdown weiter zu verschärfen und noch mehr Unternehmen zu schließen, können wir als IHK nicht folgen. Unsere Unternehmen tun alles, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten. Daher kann und muss die Wirtschaft weiterlaufen. Natürlich sind auch wir wegen der Mutationen in Sorge und hoffen, dass dadurch die Zahlen nicht wieder nach oben gehen. Anfang des Jahres hatten alle die Hoffnung, dass wir durch den Impfstoff Mitte des Jahres wieder eine neue Normalität haben werden. Dann kam der holprige Impfstart und jetzt auch noch die Mutationen. Das frustriert alle Unternehmen, die gehofft hatten, dass nur noch eine kurze schwere Strecke vor ihnen liegt. Das war für alle ein ordentlicher Dämpfer. 

Wie wird Corona die Wirtschaft in Köln und der Region verändern?

Grünewald: Was wirklich passiert, wissen wir wohl erst, wenn die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht beendet wird. Sicher ist schon jetzt, dass wir neue Konzepte für unsere Innenstädte brauchen werden, um diese weiter attraktiv zu halten. Schon vor der Pandemie stand der stationäre Einzel- durch den zunehmenden Onlinehandel unter Druck. Jetzt hat das Onlinegeschäft durch den Lockdown einen deutlichen Zulauf bekommen. Hier stellt sich die Frage, wie viele Kunden zum stationären Einzelhandel zurückkehren werden. Da gibt es bislang keine Erfahrungswerte. Was das neue Konzept für die Innenstädte angeht, arbeiten wir sehr eng mit der Politik und Verwaltung zusammen und bringen unsere Expertise ein. 

Welche Rolle spielt die IHK in der Krise?

Grünewald: Beratung spielt hier eine zentrale Rolle. Unsere Corona-Hotline ist weiter sehr gefragt. Wir beraten nicht nur unsere Mitgliedsunternehmen, sondern auch Politik und Verwaltung, beispielsweise wenn es um Strategien geht, um aus dem Lockdown herauszukommen. Daran arbeiten wir auch im engen Schulterschluss mit den Arbeitgeberverbänden, den Gewerkschaften und der Handwerkskammer. 

Welche Bedeutung hat aktuell die Digitalisierung?

Grünewald: Es gibt aktuell zwei Trends, die sich miteinander verbinden. Da ist der Trend zur Nachhaltigkeit sowie der Trend zur Digitalisierung. So fragt es sich, ob es in Zukunft noch Sinn macht, für einen einstündigen Termin durch Deutschland oder Europa zu fliegen. Hier sind Videokonferenzen oft die bessere und nachhaltigere Lösung. Ähnlich ist es mit dem Homeoffice, das den Verkehr in der Stadt entlastet. Das sind Trends, die die Pandemie vorangetrieben hat und die auch nach deren Ende weitergehen werden. Die IHK hat zu den Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Stadt- und Regionalentwicklung aktuell neue Ausschüsse gebildet. Es ist wichtig, konstruktiv eigene Ideen einzubringen und nicht nur Kritik zu üben. 

Was macht Ihnen aktuell Hoffnung und was Sorgen?

Grünewald: Sorgen machen mir die betroffenen Unternehmerinnen und Unternehmer. Da geht so manches persönliche Gespräch wirklich an die Nieren. Wenn ein Gastronom, der auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurückblicken kann, erstmals in der Unternehmensgeschichte schließen muss, ist das schon ziemlich heftig. Das sind Menschen, die plötzlich von 100 auf null herunterschalten müssen. Viele haben früher fast rund um die Uhr für ihren Betrieb gearbeitet. Wenn das Geld aus der Überbrückungshilfe nicht ankommt, müssen Unternehmer auch schon mal überlegen, ob sie ihr eigenes Haus verkaufen müssen, um den Betrieb zu retten. Dabei sind sie völlig unverschuldet in die Krise geraten. 

Was macht Ihnen trotzdem Hoffnung?

Grünewald: Hoffnung macht mir, dass es einen Impfstoff gibt und dass es jetzt mit den Impfungen vorangeht. Das bringt uns doch noch Licht ans Ende des Tunnels. Hoffnung machen mir zudem die unglaubliche Kreativität und Innovationskraft, die Unternehmen jetzt zeigen. Da näht die Schneiderin Masken, der Messebauer baut Plexiglasscheiben ein und viele Einzelhändler führen erfolgreich das „Click & Collect“-System ein. Viele Unternehmen haben das Beste aus der Situation gemacht und so besteht Hoffnung, dass wir gemeinsam erfolgreich aus der Krise kommen.