Kunst : Wenn aus Katastrophen Kunst wird

Das Kölner Museum Kolumba begeistert mit seiner neuen Jahresausstellung „1919 49 69 ff – Aufbrüche“.

Das Kolumba geht als Museum gerne seine ganz eigenen Wege – so verlängerte man im Vorjahr die Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Museum und nahm sich für die Konzeption und Vorbereitung der neuen Jahresausstellung deutlich mehr Zeit – in eine Investition, die sich eindeutig gelohnt hat. „1919 49 69 ff – Aufbrüche“ lautet der Titel der neuen Schau, die sich durch das gesamte Haus vom Foyer bis in den zweiten Stock zieht. Sie besteht vorwiegend aus Objekten aus der eigenen, umfangreichen Sammlung des Kolumba. Noch nie hat man so viele Werke in einer Schau gezeigt und noch nie wurden so viele zum ersten Mal den Besuchern präsentiert.

Chronologisch nach den Katastrophen und Umbrüchen des vergangenen Jahrhunderts ist das Ganze aufgebaut. Ein Symbol für den Aufbruch findet sich direkt nach dem Eingang – es ist Victoria Bells „Propeller für D“ - eine mächtige Holzskulptur, der man nicht so recht abzunehmen mag, dass sie jederzeit abheben könnte. Das Symbol des Propellers in Form von 640 Computerlüftern, die in einen riesigen Schildkrötenpanzer integriert sind, der an Star Wars erinnert, findet sich bei Marek Poliks Klangskulptur „Interdictor“ wieder. Hier erzeugen die kleinen Ventilatoren den einzigartigen Sound der Installation, die auch begehbar ist. Sie steht im Kontrast und im direkten Zusammenspiel mit Norbert Prangenbergs farblich und von der Form sehr bewegten Riesengemälde an der Wand gegenüber.

1919 – die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zeigt, wie aus einer Katastrophe und dem totalen Desaster neue Kreativität entsteht, die auch immer durch die Brille der Kunst sich mit der Gegenwart in Verbindung setzt. Es ist das in diesem Jahr schon viel gefeierte Zeitalter des Bauhauses, das im Kolumba „aus der Froschperspektive“ heraus, mit Werken Andor Weiningers, erzählt wird. Der Aufbruch spiegelt sich auch bei den Kölner Progressiven und dem Jungen Rheinland wider und präsentieren sich in den Werken von Franz Wilhelm Seiwert und Walter Ophey.

Die Himmelfahrt von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Immer wieder werden besondere Werke zusammen- und gegenüber gestellt. In einem Raum sind dies im notwendigen Dämmerlicht zum Beispiel der futuristische Entwurf für einen Kirchenraum von Carlo Mense, Franz Wilhelm Seiwerts Linolschnitt Heilige und eine seltene Lithografie von Conrad Felixmüller mit zwei Menschen, die zu den Sternen streben – es ist die Himmelfahrt der 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es sind sakrale Themen, aber auch Werke, die immer wieder den politischen Anspruch der Kunst in den 1920er Jahren verdeutlichen. Es geht aber auch immer wieder um die Visionen und die Utopien der Künstler, die sich in Krisenzeiten entwickeln.

Den Aufbruch nach dem zerstörerischen Zweiten Weltkrieg verkörpert im Kolumba wohl die Madonna in den Trümmern – geschaffen vom jungen Gottfried Böhm in den Jahren 1949/50. Er bekam nach der Zerstörung der Kirche vom letzten Pfarrer von Kolumba, Josef Geller, den Auftrag eine Kapelle für die inmitten der Trümmerwüste stehengebliebenen Marienfigur, deren Bild nach Kriegsende durch Welt gegangen war, zu bauen.

Wie schon in früheren Jahresausstellung werden Sakrales und Profanes im Kunstmuseum des Erzbistums immer wieder zueinander in Kontrast gestellt. Aktuell sind dies beispielsweise Otto Dix‘ „Pferdekadaver“ oder Heinrich Hoerles Schockszenen aus der „Krüppel-Mappe“, die mit kirchlichen Werken wie die „Beweinung Christi“ oder Adalbert Trillhasses „Adam und Eva – Vertreibung aus dem Paradies“ in einen außergewöhnlichen Dialog treten.

Durch den Raum zu schweben scheinen „Die Heiligen Drei Könige“ von Michael Buthe aus dem Jahr 1989 – sie bestehen aus Fundholz, Stühlen, Körben, Federn, Farbe und aus einer Glühlampe. Ihre Geschichte ist eng mit Köln verbunden, liegen doch im Dom die Reliquien der drei Weisen aus dem Morgenland. Hier kommen auf eine besondere Weise Ost und West zusammen.

Ein besonderes Highlight der neuen Jahresausstellung ist das Klaus Peter Schnüttger-Webs-Museum. Erfunden wurde diese Kunstfigur vom Fotografen Ulrich Tillmann. Das nach ihm benannte Museum eröffnet 1986 zeitgleich mit dem neuen Museum Ludwig. Allerdings bliebt es nur einen einzigen Tag geöffnet – wegen „enormen Folgekosten“. Das Museum, das eigentlich besser als Archiv bezeichnet werden könnte und das den Kunstbetrieb genüsslich auf die Schippe nimmt, erlebt durch das Kolumba eine Revitalisierung und das für deutlich mehr als einen Tag.

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