Geschichte: Vor 80 Jahren – der Pogrom von Köln

Geschichte: Vor 80 Jahren – der Pogrom von Köln

Das NS-Dokumentationszentrum erinnert mit einer Gedenkinstallation an die Ereignisse im November 1938.

Vor 80 Jahren brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November auch in Köln die Synagogen, jüdische Geschäfte wurden ausgeraubt und Geschäfte zerstört. Das NS-Dokumentationszentrum erinnert mit einer Gedenkinstallation in seinen Kellergewölben am Appellhofplatz an die Gewalt- und Zerstörungsexzesse, die den endgültigen Aufbruch in den Holocaust bedeuteten.

„Die Pogromnacht war für uns hier im NS-Dokumentationszentrum schon immer ein Thema. Unsere erste Ausstellung 1988 hatte dieses Thema, sie wurde insgesamt dreimal gezeigt. Mit der neuen Installation wollen wir einen anderen Zugang zu diesen Geschehnissen ermöglichen“, sagt Direktor Werner Jung. Der Novemberpogrom sei eine Wende in der Geschichte des Nationalsozialismus gewesen, wenn man auf die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen der jüdischen Bevölkerung und die neue Brutalität der Verfolgung blicke. „So erscheinen die Schritte nach der Machtergreifung 1933 in einem ganz anderen Licht. Nach dem Pogrom war jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich.“

Die Ausstellung teilt sich in drei Räume mit jeweils eigenen Themen auf: Im ersten Raum geht es um die sukzessive Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichem Leben. Diese spiegeln sich in den antisemitischen Erlassen, Anordnungen und Gesetzen wieder. Sie machten es Juden zum Beispiel unmöglich, als Beamte oder Angestellte weiter zu arbeiten. Dazu kamen die Nürnberger Rassegesetzte. „Es wurde hier nach und nach alle Hemmschwellen gebrochen“, sagt Birte Klarzyk als Expertin für jüdische Geschichte im NS-Dok.

Interviews mit
Zeitzeugen der Pogromnacht

Heute als NS-Propaganda entlarvt, ist die Behauptung, der Pogrom sei ein „spontaner Ausbruch des Volkszorns“ gewesen. Vielmehr handelte es sich um von der SA und der SS hochinszenierte Ereignisse, die eine sehr lange Vorgeschichte gehabt haben. Dazu gehört auch der polnische Erlass, durch den Polen, die seit fünf Jahren nicht mehr in Deutschland lebten, die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Vor allem jüdische Bürger wurde damals zur polnischen Grenze deportiert.

Im zweiten Raum sind großformatige Bilder der zerstörten Synagogen an der Roonstraße und in der Glockengasse zu sehen. „Es sind die einzigen Bilder von der Pogromnacht in Köln. Sonst gibt es kein weiteres Bildmaterial. Zerstört wurden in der Stadt alle Synagogen und Betsäle. Verschont blieb nur das jüdische Krankenhaus in Ehrenfeld. Dazu kamen viele zerstörte jüdische Geschäfte und Wohnungen in Köln“, sagt Klarzyk.

Im dritten Raum findet sich die eigentliche Installation. Zu hören gibt es Interviews mit Zeitzeugen, die bei der Pogromnacht oft noch Kinder oder Jugendliche waren. Befragt wurden Betroffene des Kölner Pogroms, die über das Schockerlebnis sprechen. „Viele hofften, dass das NS-Regime vorübergehen würde. Diese Hoffnung wurde mit dem Pogrom zerstört. Viele mussten auch erkennen, dass sie die letzte Chance zur Flucht verpasst hatten.“ Bei den nicht betroffenen Teilen der Gesellschaft sei eine gewisse Lethargie und eine Irritation zu spüren. Oft waren es die Erwachsenen, die behaupteten, alles sei so richtig gewesen.

Neue Forschungen sind ebenfalls in die Installation eingeflossen. Das gilt für die Toten des Pogroms. So wurde ein jüdischer Friseur so schwer verletzt, dass er an den Folgen starb. Zwei ältere Damen nahmen sich in der Folge das Leben und zwei Männer, die ins KZ Dachau verschleppt worden sind, starben.

Gezeigt werden Briefe aus dem Nachlass der jüdischen Familie Schönberg, die zeigen, wie sich der Alltag nach dem Pogrom für Juden verändert hat. Geschrieben wurden diese zwischen den Eltern und dem nach Palästina emigrierten Sohn.

Morgen gibt es im NS-Dok am Appelhofplatz 23-25 ab 19 Uhr einen Vortrag von Professor Wolfgang Benz mit dem Thema: „Die Reichskristallnacht im November 1938 - inszenierte Gewalt gegen Juden“.

Die Ausstellung läuft bis zum 6. Januar. Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18, Sa/So: 11-18 Uhr.

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