Kultur : Tomatenstuhl und Kaffeebaum

Am Wochenende wird die neu in Szene gesetzte Designabteilung des Museums für angewandte Kunst wiedereröffnet.

Es sind oft die profanen Dinge, die für Designer reizvoll sind. Dazu gehören auch Sitzmöbel aller Art. Das gilt für den Ulmer Hocker genauso wie für den Diamond Chair aus den 50er Jahren oder für den Tomato Chair von Eero Aarino, der sich der Pop Art zuordnen lässt. Auch ein Außenspiegel eines Mercedes oder ein außergewöhnliches Teeservice lassen die Grenzen hin zu Kunst zerfließen.

Solche „Alltagsgegenstände“ sind ab sofort wieder in der Designsammlung des Museums für angewandte Kunst (Makk) zu sehen. Für gut anderthalb Jahre mussten diese Designobjekte wegen der Sanierung der Fenster ihren angestammten Platz verlassen. Jetzt sind viele von ihnen wieder in den öffentlichen Bereich des Museums unweit des Doms zurückkehrt.

180 Objekte sind
erstmals im Makk zu sehen

Zu sehen gibt es insgesamt 450 Objekte – das sind mehr als jemals zuvor. Erstmals zu betrachten sind 150 Ausstellungsstücke aus dem Depot des Makks sowie 30 Neuerwerbungen. Die Designabteilung in Köln ist die bedeutendste und größte Sammlung in Deutschland. Ursprünglich wurde das Makk 1888 als Kunstgewerbemuseum gegründet. Sein Fokus lag damals auf kunsthandwerklich hochstehenden Erzeugnissen aus vergangenen Epochen.

Schon ab den 1920er Jahren lag der Fokus des Museums erstmals auch auf industriell hergestellten Geräten. Spätestens seit der 1970er Jahren wurden gezielt mustergültige Industrieprodukte sowie formal und technisch innovative Objekte gesammelt – damit war das Makk ein Vorreiter unter den Museen. Die entscheidende Veränderung der Sammlung ergab sich 2005 durch die Stiftung von Professor Richard G. Winkler, der dem Makk 700 Objekte europäischer und nordamerikanischer Herkunft übergab.

Die außergewöhnliche Sammlung besteht aus Designprodukten, aber auch aus Werken der Bildenden Kunst des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. So wurde die Designabteilung des Makk 2008 in „Kunst + Design im Dialog“ umbenannt. Sie repräsentiert nahezu alle namhaften Designer, Hersteller und Manufakturen und bringt diese in Beziehung zu Gemälden und Plastiken bedeutender deutscher und internationaler Künstler.

Im Zuge der Wiedereröffnung wurde die Sammlung komplett überarbeitet. Diese beginnt nun statt mit dem Jugendstil, der künftig Teil der historischen Sammlung sein wird, mit den Produkten der Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst in Hellerau. Damit startet die Dauerausstellung 1918 in die Moderne. Dort befinden sich unter anderem Gemälde von Piet Mondrian. Noch älter ist ein Phonograph von Edison aus dem Jahr 1896 und eine Urania-Schreibmaschine von 1909, die ältesten Objekte der Sammlung.

Nach der Russischen Avantgarde folgt das Bauhaus, das 1919 in Weimar begründet wurde. Zu den Highlights zählt ein Teeservice von Theodor Bogler und ein Wandregal von Marcel Breuer, das wohl als Urtypus des modernen Ikea-Regals angesehen werden könnte. Spannend ist auch das kreisrunde Radio von Wells Coates.

Weiter geht es beim Rundgang ins Art Deco der amerikanischen Modern. Hier fällt eine bunte Wurlitzer Musicbox genauso ins Auge wie ein Cocktail-Shakerset namens „Blue Moon“, das Ende der 30er Jahre nach der Prohibition eine besondere Bedeutung hatte. Im ersten Stock startet die Sammlung mit dem „Mid Century“, den 50er Jahren. Dort findet sich der lederne Armlehnstuhl mit Hocker von Charles Eames, der Diamond-Chair von Harry Bertoia oder der einfache Ulmer Hocker, der schon seit längerem nicht mehr im Makk zu sehen war.

Auf dem Weg zur Pop Art geht es vorbei an Werken des Nagelkünstler Günther Uecker und natürlich Andy Warhol, von dem auch ein Papierkleid zu sehen ist. Neu ist hier der Tomato Chair von Eero Aarino, während der grüne Garderoben-Kaktus von Guido Drocco schon länger seinen Platz im Makk hat.

Eine spannende Station der Sammlung ist die Postmoderne der 1980er/90er Jahre. Zu den Highlights zählt hier zum Beispiel der Armlehnstuhl „Consumers Rest“ von Stiletto, der aus einem Einkaufswagen entstanden ist. Zu entdecken gibt es außerdem das Verspannte Regal von Wolfgang Laubersheimer und den Kaffeebaum von Heiko Bartels. Auch Macintosh-Computer sind hier Teil der Sammlung, die mit einem aufblasbaren Hocker aus dem Jahr 2018 ihren vorläufigen Abschluss findet – der Raum für das Design der kommenden Jahre ist noch vorhanden.

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