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Leiter der Kölner Berufsfeuerwehr über Herausforderungen der Coronakrise

Leiter der Kölner Berufsfeuerwehr : „Wir müssen alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten“

Dr. Christian Miller ist der Leiter der Kölner Berufsfeuerwehr. Im Interview spricht er über die Herausforderungen in der Coronakrise und über die Wertschätzung, die seinen Mitarbeitern jetzt entgegengebracht wird.

Dr. Christian Miller ist der Leiter der Berufsfeuerwehr. Im Interview spricht er über die Herausforderungen in der Coronakrise und über die Wertschätzung, die seinen Mitarbeitern entgegengebracht wird.

Wie erleben Sie im Moment Köln?

Dr. Christian Miller: Die Stadt blüht im Moment wieder auf. Während des Lockdowns war es bedrückend zu sehen, wie menschenleer diese sonst zu quirlige und lebendige Stadt war. Die Menschen sind jetzt wieder auf der Straße, halten sich aber überwiegend an die Vorgaben. Viele tragen Schutzmasken und halten Abstand.

Was sind für Sie als Chef der Berufsfeuerwehr die größten Herausforderungen?

Miller: Wir müssen mit einer Viruserkrankung umgehen, die alle Bereiche der Stadt betrifft. Bei der Berufsfeuerwehr hatten wir zu einem frühen Zeitpunkt Covid-Erkrankungen bei den eigenen Mitarbeitern. Wir haben deshalb ein Konzept erarbeitet, wie wir die Einsatzbereitschaft sichern können, was uns auch lückenlos gelungen ist. Das war eine große Herausforderung. Das Wissen über die Viruserkrankung war anfangs noch sehr gering, hier mussten wir uns mit wissenschaftlichen Publikationen erst einmal informieren, um so ein Lagebild erzeugen zu können. Besonders an dieser Lage ist, dass die Maßnahmen ihre Wirksamkeit erst nach 14 Tagen wirklich zeigen. Da musste man trotz der Unsicherheit weitreichende Entscheidungen treffen. Ein Problem war auch der Zusammenbruch der globalen Lieferketten. Das hat bei uns vor allem die Versorgung mit Infektionsschutzkleidung betroffen. Und das Missverhältnis zwischen dem großen Bedarf und dem Mangel an Produkten fordert uns auch weiter.

Wie sieht der Alltag bei den Rettungsdiensten und der Berufsfeuerwehr in der Krise aus?

Miller: Alle Mitarbeitenden sind hochsensibilisiert. Wir haben unser eigenes Schutzkonzept den aktuellen Begebenheiten angepasst, das gilt für den Brandschutz genauso wie für den Rettungsdienst. Bei den Einsätzen kann jeder Kontakt auch ein Covid-Kontakt sein. Da muss das Risiko immer vor Ort eingeschätzt werden, damit man entsprechend handeln kann. Die Einsatzkräfte sind angehalten, die Kontakte auf das Notwendige zu verringern.

Wie hat sich Ihr eigener beruflicher Alltag verändert?

Miller: Der hat sich sehr stark verändert. Ich bin der Einsatzleiter für die operativen Maßnahmen, zusammen mit dem Gesundheitsamt. Mein Tag beginnt um 5.30 Uhr mit der Informationen bei Wissenschaft und Medien zur neuen Erkenntnislage zur Pandemie. Von großen Interesse sind dabei die Gebiete wie China mit einem zeitlichen Vorlauf in der Covid-Situation. Dann kommt das tägliche, morgendliche Briefing. Dort stimme ich mich mit den Führungskräften ab und lege die operativen Schwerpunkte fest. Jeden morgen mit dabei ist das Gesundheitsamt, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten. Es gibt auch regelmäßige Treffen mit dem Krisenstab der Stadt. Dazu kommt, dass wir auch den Grundschutz von Brandschutz und Rettungsdienst in Köln bewältigen müssen, wie jetzt gerade bei der schweren Hausexplosion. Die Herausforderung, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, bestimmt meinen beruflichen Alltag und der ist meist auch um 21 Uhr noch nicht vorbei.

Wie hat sich der Krankenstand bei der Berufsfeuerwehr entwickelt?

Miller: Wir haben seit den ersten Covid-Erkrankungen bis heute durchgehend Mitarbeiter in der Quarantäne gehabt – sei es durch eine Infektion oder durch den Kontakt zu Infizierten im privaten oder dienstlichen Bereich. Das Thema beschäftigt uns, aber durch unser eigenes Sicherheitssystem konnten wir das Risiko klein und den Krankenstand in einer überschaubaren Größe halten. Die Maßnahmen haben gegriffen.

Wie geht es den erkrankten Mitarbeitern?

Miller: Bei allen infizierten und erkranken Mitarbeitern hatten wir sehr milde Verläufen, allen geht es gesundheitlich gut. Aber wir wissen noch nicht, welche Langzeitfolgen eine Covid-Erkrankung hat, und ob es hier möglicherweise zu Langzeitfolgen kommen kann. Deshalb checkt unser Betriebsarzt die betroffenen Kollegen regelmäßig durch.

Wie hat sich die Wertschätzung Ihrer Einsatzkräfte durch die Krise verändert?

Miller: Es gibt viele Menschen, die offen ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Das war zum Beispiel gerade in Lindenthal so. Da klatschten die Anwohner für Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Ich war vor Kurzem im Gesundheitsausschuss der Stadt, auch da gab es viel Solidarität und Anerkennung für uns. Natürlich gibt es auch immer noch Leute, die das, was wir leisten, als Selbstverständlichkeit ansehen und die sich gleichgültig zeigen. Auch beim Infektionsschutz muss man die Menschen immer wieder ansprechen und mahnen, die Regeln einzuhalten. Aber wir nehmen gemeinsam mit Einrichtungen wie Kliniken oder Pflegeheimen überwiegend Zuspruch für uns wahr.

Was macht Ihnen derzeit Hoffnung und was macht Ihnen Sorgen?

Miller: Sorgen mache ich mir wegen der Situation der Risikogruppen, gerade bei älteren Menschen in Pflegeheimen oder in häuslicher Pflege. Die Kontakte nehmen jetzt wieder zu und damit auch das Infektionsrisiko. Man muss hier die schwierige Balance zwischen dem Schutz und der Rückkehr zum normalen Leben finden. Da sind gute Ideen gefragt. Hoffnung macht mir, dass die Covid-Erkrankungen bei uns vorwiegend mild verlaufen, dass die Infektionszahlen zurückgehen und dass die Zahl der Genesenen steigt. Wir dürfen dabei aber nicht den Blick auf die Risikogruppen verlieren.

Wie gehen Sie privat mit der Bedrohung um?

Miller: Wir haben uns als Familie zurückgezogen. Ich habe zwei Söhne und eine acht Wochen alte Tochter. Da ich beruflich viele Kontakte habe, achte ich sehr auf Hygiene und den eigenen Schutz. Für die Familie bin ich wegen der hohen beruflichen Beanspruchung derzeit nur wenig verfügbar und habe deshalb exklusive Familienzeiten vereinbart. Ich werde von meiner Frau und meinen Kindern voll unterstützt, das ist eine große Erleichterung. Die Familie ist meine Erholungsoase, in der ich Kraft für meine Arbeit tanken kann.