Islam: Kölns Zentralmoschee: Symbolbau der ruinierten Integration

Islam : Kölns Zentralmoschee: Symbolbau der ruinierten Integration

Während die Baustelle der Zentralmoschee in Köln im Ramadan viele Besucher anlockt, vertieft der türkische Staatsverband Ditib die Gräben.

Köln. Mitten im Ramadan kommt der Fronleichnamstag vielen türkischen Familien gut zu Pass, um den schönsten Kuppelsaal aller Moscheen in Deutschland zu besichtigen. Den Nummernschildern der Autos nach kommen sie vor allem aus dem Ruhrgebiet, aber auch viele Kölner Türken nutzen den christlichen Feiertag für die erste Besichtigung des 38 Meter hohen Gebetsraums, den Ditib mit dem Freitagsgebet vom 9. Juni erstmals öffentlich zugänglich machte.

Stolz fotografieren sich die Besucher auf der großen Freitreppe, die schon vor der offiziellen Eröffnung aufwändig saniert werden musste. Das Familienfoto ist ein schwieriges Unterfangen, denn immer wieder rückt der Kölner Fernsehturm wie ein drittes Minarett ins Bild. Im Innern richten sich die Blicke nach oben. Da, wo die Kuppel nicht von großen, bis zum Boden reichenden gläsernen Fensterbändern durchbrochen ist, zieren sie ornamentales Beschlagwerk und Koran-Zitate in arabischer Schrift und großen Mengen Gold.

Man wolle ein „Haus der Begegnung“ sein und lade alle ein, die Moschee jederzeit zu besuchen, so Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga vor einer Woche. Die Offenheit ist relativ; nicht nur, weil die am Hintereingang versteckt ins Fenster gehängte Hausordnung freie Medienberichterstattung kontrollieren will. Der offizielle Eingang in die Moschee führt noch immer hinter der Moschee über eine Tiefgaragen-Einfahrt an der Fuchsstraße. Teile der Fassade und der hölzernen Fensterrahmen machen einen verwitterten Eindruck. Überall blickt man durch halbblinde Scheiben auf Baustellen und Gerümpel. Die Treppe zur Inneren-Kanalstraße ist mit einem Bauzaun abgesperrt.

Die Ehrenfelder Moschee-Baustelle, schon halb Ruine, noch halb unvollendet, ist fünf Jahre nach ihrer geplanten, aber bis heute nicht vollzogenen offiziellen Eröffnung ein Symbol-Ort gescheiterter Hoffnungen und unerfüllter Versprechen. Die Geschichte des Scheitern begann bereits damit, dass es vor zehn Jahren nicht möglich war, sich auf eine Zentralmoschee für alle Muslime Kölns zu einigen, sondern dass es allein bei Ditib blieb, dem türkischen Verein, der von Ankaras staatlicher Religionsbehörde Diyanet kontrolliert wird. Sie setzte sich damit fort, dass die Kölner Ditib aus der Zeit der Grundsteinlegung im November 2009 mit dem trotz aller gegenteiligen Beteuerungen heute straff aus Ankara geführten Verein außer dem Namen nicht mehr viel gemein hat.

Der Entwurf der versierten Kirchen-Architekten Gottfried und Paul Böhm, mit denen Ditib bereits 2011 die Zusammenarbeit aufkündigte, ist die bauliche Umsetzung eines offenen, einladenden Islam. Den kann auch die - höflich gesprochen - osmanisierende Innenausstattung nicht zerstören, die die klaren architektonischen Formen nun wie ein Häkeldeckchen überzieht. Das ist freilich kein muslimisches Problem: Auch moderne Kirchen-Architektur hat im Kampf mit dem Bastelgruppen-Christentum bisweilen einen schweren Stand, nur wird der Geschmacks-Konflikt dort selten aus Glaubensfrage ausgetragen.

Wer kein Türkisch spricht, kann dem Gebetsgeschehen in der Moschee nicht folgen. Auch außerhalb der Gebetszeiten werden Besucherinnen auf die Empore geschickt. Der Hauptraum bleibt allein Männern vorbehalten. Ehepaare winken sich zu und machen Handyfotos, gemeinsame Bilder gibt es nur draußen. Der Kontrast zwischen äußerer Form und innerem Geschehen symbolisiert schmerzlich, dass hier kein integrativer, kölsch-sprachiger Islam entsteht, wie ihn sich der frühere OB Fritz Schramma (CDU) als wortmächtiger Befürworter des Baus wünschte.

Die Kölner Publizistin Lale Akgün hielt den Machthabern in Ankara im vergangenen Sommer vor, die Moschee in Wahrheit niemals vollenden zu wollen: „Es gab eine Zeit, in der sich viele — auch ich — für diese Moschee stark gemacht haben. Sie sollte zu einem Wahrzeichen für das Zusammenwachsen der Religionen und Kulturen werden. Diese Zeit ist längst vorbei“, sagte sie dem Kölner Stadtanzeiger.

Dass Ditib — nach Hetzkampagnen gegen türkischstämmige Abgeordnete und Spitzel-Aktionen seiner Imame gegen Erdogan-Gegner — es ablehnt, sich an dem für heute geplanten Ramadan-Friedensmarsch von Muslimen und Freunden zu beteiligen, vertieft die Gräben zwischen dem türkischen Staatsverband und selbst gutwilligsten Gesprächspartnern aller Konfessionen nur noch weiter. Die Begründung, muslimische Anti-Terror-Demos stigmatisierten Muslime und seien eine spaltende Form der Schuldzuweisung, kommentierte der Kölner Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck bei Twitter mit den Worten: „Jetzt werden sie wirklich ganz verrückt.“

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