Kölnbuch-Tipp: Köln zwischen Persil und Petticoat

Kölnbuch-Tipp : Köln zwischen Persil und Petticoat

Neuer Bildband blickt in die Nachkriegszeit im Schatten des Doms und berichtet von einer Stadt, die ins Leben zurückkehrt.

Die Nachkriegszeit ist auch in Köln eine Zeit voller Kontraste. Die Stadt liegt noch in Trümmern und doch schlängelt sich 1949 der erste Rosenmontagszug nach dem Zweiten Weltkrieg wieder durch die Straßen. Hunderttausende lassen sich den Zoch am Wegesrand nicht entgehen. Die Domstadt ist noch voller Narben, aber die Menschen wollen nach der Zeit der Angst und der Entbehrungen endlich wieder leben, feiern und Spaß haben.

In dieser Atmosphäre geht der freie Bildreporter Fred Jaeger mit seiner Kamera und mit offenen Augen durch seine Heimatstadt. Vor allem in den 50er Jahren fotografierte er bei gesellschaftlichen Anlässen und bedeutenden Ereignissen in Köln. Den Fokus legte er auf die Menschen, ihre zurückgewonnene Lebensfreude, ihr Interesse für Neues und ihr Sinn für Geselligkeit.

Fred Jaeger hatte den
Krieg in Holland erlebt

Er selbst hatte den Krieg als Fotoreporter an der Westfront in Holland erlebt und war 1949 nach Köln zurückgekehrt. Seine Bilder erschienen in überregionalen Magazinen und auch in der lokalen Presse. Bis ins hohe Alter arbeitete er noch als Kameramann für den WDR. 1989 starb Fred Jaeger und hinterließ ein umfangreiches Schwarz-Weiß-Archiv.

Der von Eva Neubert und Britta Schmitz herausgegebene Bildband „Persil und Petticoat“ zeigt eine Auswahl von Jaegers Bildern aus dieser aufregenden Zeit am Rhein. 85.000 Aufnahmen wurden dafür im Archiv des Kölner Fotografen gesichtet. Die 240 historischen Fotografien, die es in den im Emons-Verlag gerade erschienen Bildband geschafft haben, wollen Einblicke in den Alltag der Nachkriegszeit geben und den Zeitgeist und die Stimmung dieser Ära vermitteln. Sie stammen alle aus den Jahren zwischen 1949 und 1959.

Zu sehen sind entfesselte Feste und ausgelassene Bälle, schicke Mode wie den meist farbenfrohen Petticoat und auf Hochglanz polierte Autos in den Straßen der Stadt. Die Leute begeistern sich für die neuen Filme und haben ein großes Kaufinteresse in den Geschäften, die ihre Pforten nach dem Krieg wieder öffnen.

Wer durch den großformatigen Bildband blättert, kann erahnen, welcher neuer Esprit die Stadt wieder beflügelt, und wie das Rheinland in seiner Metropole wieder zu atmen beginnt. Dazu gehört auch das Deutzer Frühlingsfest mit seinen Attraktionen, das 1951 erstmals wieder auf dem Messegelände stattfand. Auch die Straßencafés sind wieder belebt – dazu gehört das heute noch existierende Café Reichard am Dom.

Zusehen sind zum Beispiel die schick gekleideten Chauffeusen des Dom-Hotels, die am Deutzer Rheinufer ihre großen Limousinen präsentieren. Für die wachsende Zahl an Autos wurden auch Hochbunker in Parkhäuser umfunktioniert. Viel Aufwand investierte die Kosmetikfirma Riz, sie ließ für die Weihnachtsfeier der Belegschaft den Nikolaus mit dem Hubschrauber einfliegen.

Auch so spektakuläre wie kuriose Unfälle, wie der zwischen einem Lastwagen und einer Straßenbahn wurden für den Band ausgewählt. Schon damals ein Problem ist das Hochwasser, das die Altstadt überflutet. Wieder Leben gab es auch in der Kölner Messe, wo zum Beispiel 1953 auf der Eisenwarenmesse der Trockeneierkocher präsentiert wurde.

Der Betrachter begegnet Promis wie Romy Schneider oder Maria Callas und kölschen Legenden der damaligen Zeit. Dazu gehört auch der Boxer Peter Müller, der lebenslang gesperrt wurde, nachdem er Schiedsrichter Max Pippow während eines Kampfes k.o. geschlagen hatte. Zu sehen sind auch Konrad Adenauer und Theodor Heuss, beim Besuch auf dem Flughafen Köln-Wahn. Einblicke gibt es zudem in die Welt der Musikindustrie – in Köln hatte das Musiklabel Electrola moderne Aufnahme- und Produktionsräume. Diese ziehen auch Stars wie Bibi Jones oder Josephine Baker an den Rhein. Ein Blick gibt es zudem in Kölns größten Schallplattenladen – Radio Graf am Neumarkt.

Der Betrachter erfährt, welche Kinofilme angesagt waren wie „Vom Winde verweht“ im Roxy, und wo das Nachtleben der Stadt tobte – zum Beispiel „Im Kuckuck“ mit einem Doppelbett als Bar oder im „Tabu“. Gedreht für das Kino wurde auch schon damals, wie ein Bild vom Modehaus Frank zeigt, wo 1954 eine Szene für „Unter einem Regenschirm“ entstand.

Der Blick in den aufwendig gestalteten Bildband ist wie eine kleine Zeitreise in die wilden 50er Jahre, in den der Blick immer mehr nach vorne gerichtet wurde. Er ermöglicht Einsichten in eine noch zerstörte Stadt, die sich kraftvoll aus den Kriegstrümmern erhebt.

Eva Neubert und Britta Schmitz (Hg.): Persil und Petticoat – Köln zwischen 1949 und 1959, mit einem Vorwort von Volker Kutscher, Emons-Verlag, 240 Seiten, 39.95 Euro.

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