Interview: Kirschenzeit bei den 17 Hippies

Interview: Kirschenzeit bei den 17 Hippies

Die Berliner Band kommt mit ihrem neuen Album am 21. Januar ins Kölner Gloria. Was das Publikum erwartet, sagt Christopher Blenkinsop.

Christopher Blenkinsop: Unsere Welt ändert sich gerade so extrem und radikal. Das war vor einigen Jahren für die Menschen so nicht vorstellbar. Normalerweise haben sie bei so extremen Situationen gewartet, bis sich alles wieder regelt. Das ist jetzt nicht mehr so. Deshalb müssen wir gerade jetzt Haltung bewahren. Uns erinnert die aktuelle Zeit an die Situation im Umfeld der Französischen Revolution in Paris. In Frankreich steht „Kirschenzeit“ (Le Temps des cerises) sinnbildlich für Aufbruch. Auch damals gab es Fragen wie Migration, die Zukunft der Arbeit oder die Gentrifizierung der Städte, die uns heute wieder beschäftigen. Die Barrikadenaufstände der Pariser Kommune von 1871 wollten die Welt verändern. Aber es hat nicht so geklappt, wie man sich das vorgestellt hatte. Man muss in so einer Situation aber seinen Optimismus bewahren und weiter dafür kämpfen, wofür man steht. Das zeigen auf unserem Cover die Boxhandschuhe an den Kirschenstilen. Es ist wichtig, aktiv zu werden und Haltung zu zeigen.

Viele Menschen sind jetzt verunsichert.

Blenkinsop: Viele Kommentare, die ich jetzt lese, sind etwas larmoyant. Man jammert mit einer gewissen Naivität der Vergangenheit hinterher, obwohl man weiß, dass nie mehr so sein wird. Die Menschen suchen Klarheit und Leute, die ihnen sagen, wie man mit dieser Situation umgeht. Aber eine Medaille hat eben nicht nur die zwei Seiten, von denen man immer spricht. Es sind weit mehr Seiten, unsere Welt ist sehr kompliziert und komplex geworden. Aber wenn man in andere Länder reist und mit anderen Menschen spricht, relativieren sich unsere Sorgen und Ängste sehr schnell.

Wie wichtig ist in solchen Zeiten eine feste Gruppe wie die 17 Hippies?

Blenkinsop: Das ist das Beste, was uns allen je passiert ist und wurde von uns auch nie in Frage gestellt. Wir werden uns auch in Zukunft den Herausforderungen und Veränderungen stellen.

Wie schwer ist es, bei 13 Musikern eine Entscheidung zu treffen?

Blenkinsop: Das ist einfacher als gedacht. Es gibt auch bei uns die Entscheider und die Leute, die eher die stillen Mitmacher sind. Dazu kommen noch die lauten Mitmacher. Die Konstellationen in der Band ändern sich immer wieder. Aber am Ende müssen einfach Entscheidungen getroffen werden.

Was waren die größten Veränderungen?

Blenkinsop: Anfangs stand bei uns eine Pappschachtel auf dem Tisch, das war unsere Bandkasse. Heute haben wir ein Label und einen Verlag gegründet. Die Verteilung der Einnahmen erfolgt nach einem Punktesystem. Dazu gekommen ist im Laufe der Jahre das Vertrauen, der Leute, die weniger entscheiden. Früher hatten wir alle paar Wochen Sitzungen, bei denen wir uns die Köpfe heißgeredet hatten. Heute gibt es einmal im Jahr eine Gesellschafterversammlung.

Wie hat sich die Musik der 17 Hippies verändert?

Blenkinsop: Anfangs haben wir uns an Dingen versucht, die wir als Musiker eigentlich noch gar nicht spielen konnten. Dann sind wir viel gereist, haben viel gelernt und konnten Erfahrungen sammeln. Das hat uns musikalisch weiter nach vorne gebracht. Die Songs sind persönlicher geworden und wir haben so manchen alten Zopf wie zum Beispiel das Banjo hinter uns gelassen.

Was erwartet das Publikum in Köln?

Blenkinsop: Wir werden auch bei diesem Konzert wieder improvisieren, so dass kein Auftritt dem anderen gleicht. Das hängt auch immer vom jeweiligen Publikum ab. In Köln ist das sehr speziell – die Menschen haben dort eine klare und starke Identität. Das merkt man auch, wenn man eine Zeile eines kölschen Songs anstimmt, die Leute gehen sofort mit.

Welche Beziehung haben Sie zu Köln?

Blenkinsop: Mein Vater wohnt in der Nähe von Köln. Ich bin dort auch mal eine Zeit lang gestrandet. Köln war überhaupt die erste große Stadt, zu der ich eine Beziehung aufgebaut habe. Dazu gehört der Saturn am Ring, da habe ich meine ersten Platten gekauft. Während meine Freunde damals eher dem Punk nahestanden, habe ich für mich den Rock der 70er nachgeholt und Bands wie die Doors gehört.

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