Interview: „Kinder können sehr grausam sein“

Interview : „Kinder können sehr grausam sein“

Im neuen Kinofilm „Der Vorname“ geht es um gesellschaftliche Tabus und Abgründe. Christoph Maria Herbst ist einer der Hauptdarsteller.

Gerade läuft der Film „Der Vorname“ in die deutschen Kinos an. Hauptdarsteller sind Caroline Peters, Janina Uhse, Justus von Dohnányi, Florian David Fitz, Iris Berben und Christoph Maria Herbst. Die Regie des Films, der auf der französischen Komödie „Le Prenom“ basiert, hat Sönke Wortmann geführt. Gedreht wurde in einem Haus in Köln, das im Film in der Nachbarstadt Bonn platziert wird. Deutschlandpremiere hat der Film im Kölner Filmpalast gefeiert. Unsere Zeitung hat mit dem gebürtigen Wuppertaler Christoph Maria Herbst über den Film und über die Rolle von Vornahmen gesprochen.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Vornamen?

Christoph Maria Herbst: Ich bin da immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen und habe während der Schulzeit auf meinen zweiten Vornamen verzichtet. Ich wollte keinem die Möglichkeit geben, mich zu ärgern. Kinder können da ja sehr grausam sein. Meinen Zweitnamen Maria nutze ich erst, seitdem ich Schauspieler bin. Christoph Herbst klingt schon ganz schön hart. Das Wort Herbst ist ein echter Konsonantenhaufen, der wird durch Maria etwas weicher.

Geht Adolf heute noch als Vorname für ein Kind?

Herbst: Das geht gar nicht. Im Film sind die Antagonisten reine Narzissten – sie drehen sich nur um sich selbst und denken nicht an die Folgen für das Kind – für das auch andere Namen wie Torben-Hendrik oder Dörte eine harte Kindheit bedeuten würde. Und der Vorname Adolf ist im Film ja nur die Spitze des Eisbergs, da werden komplette Sümpfe trockengelegt und jede Menge Leichen aus dem Keller geholt.

Was ist der Reiz dieser Auseinandersetzung zwischen Figuren?

Herbst: Das Ganze wird sehr differenziert dargestellt – alle Argumente sind in sich wirklich stichhaltig und beleuchten alle Seiten. Der Reiz für den Zuschauer ist, dass er sich immer wieder dabei ertappt, dass er zu einer Seite hält.

Gab es bei Ihnen in der Familie und im Bekanntenkreis schon Diskussionen über Vornamen?

Herbst: Zum Glück noch nicht. Wir diskutieren über Gott und die Welt in der Familie. Vornamen waren aber noch nicht dabei. Und wenn, dann würde das etwas kultivierter laufen, als dies im Film der Fall ist. Da fließt kein Blut und keiner wirft mit Kuchen.

Wie ist Ihre Rolle im Film angelegt?

Herbst: Der Film basiert auf einem Theaterstück und präsentiert die gesellschaftlichen Archetypen. Meine Figur übernimmt dabei den intellektuellen Part, Florian David Fitz spielt den Emporkömmling und meine Frau im Film steht für das Großbürgertum. Es ist ein Blick hinter die ehrenwerte bürgerliche Fassade und der Zuschauer kann verfolgen, wie die Sümpfe trockengelegt werden. Das macht den Reiz des Films aus. Und das Feedback ist gut, wie die Weltpremiere in Zürich gezeigt hat. Die Schweizer reagieren ja oft mit einer gewissen Zeitverzögerung auf Humor. Bei uns gab es dagegen direkt die Reaktionen.

Was macht für Sie als Schauspieler der Reiz Ihrer Rolle aus?

Herbst: Als der Anruf kam, konnte ich mit dem Titel etwas anfangen. Es gab einen Vorläuferfilm aus Frankreich, von dem ich damals nur den Trailer gesehen hatte, was mich nicht direkt angesprochen hat, weil ich mich nicht mit der Geschichte identifizieren konnte. Das hat sich geändert, als ich das Buch zur deutschen Version gelesen haben. Da sind mir direkt 1000 Dinge eingefallen. Es ist gut, dass diese auf den deutschsprachigen Raum angepasst wurde. Das Buch bringt die Geschichte genau auf den Punkt. Da hätte ich sogar noch Geld gezahlt, um mitspielen zu können. So tolle Drehbücher hat man selten. Außerdem hatte ich schon lange nicht mehr mit Sönke Wortmann gedreht. Es ist immer sehr inspirierend, mit ihm zu arbeiten. Mich begeistert auch seine kolossale Ruhe, mit der am Set agiert. Und er hat eine Trüffelnase für die perfekte Besetzung von Filmen.

Heute kommen wieder viele alte Vornamen für Kinder ins Spiel wie Karl oder Marie.

Herbst: Das habe ich auch schon festgestellt. Oft bin ich aber erstaunt, wie offen deutsche Standesämter bei den Vornamen sind und was sie alles zulassen. Manche Entscheidungen sind für mich schwer nachvollziehbar. Aber es gab früher Namen, die heute selbstverständlich sind, und die früher gar nicht gingen. Das gilt zum Beispiel für Moritz, den man vor 50 Jahren wegen der Nähe zu „Max und Moritz“ nicht haben wollte.

Wird Adolf irgendwann wieder salonfähig?

Herbst: Ich hoffe nicht. Da sollte es noch genügend Sensibilität auch heute bei der jungen Generation geben. Andererseits muss man sich auch fragen, warum an der Namen wie Josef in Ordnung sind, auch diese wurden von NS-Größen getragen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung