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Karneval: „Karneval verbindet die Menschen“

Karneval : „Karneval verbindet die Menschen“

Dirk und Jackie Kenntner sind in dieser Session das Traditionspaar Jan und Griet beim Reiter-Korps Jan von Werth. Wir haben die beiden getroffen.

An der Bonner Uni lernten sich Dirk und Jackie Kenntner 1983 kennten, beim Konzert der Karnevalsband Pappnas gab es den ersten Kuss – zwei Jahre später heirateten die beiden im Historischen Rathaus in Köln. Der Karneval bestimmt bis heute das Leben des Ehepaares. In diesem Jahr hat sich für beide ein großer Lebenstraum erfüllt – sie haben die Rollen des Traditionspaares Jan und Griet im Reiter-Korps Jan von Werth übernommen, dem Dirk Kenntner seit 25 Jahren angehört.

„Das, was wir gerade als Jan und Griet erleben, ist äußerst vielseitig. Morgens besucht man ein Hospiz und abends tritt man mit dem eigenen Dreigestirn in der Arena auf. Das ist oft eine emotionale Achterbahn. Überall werden wir herzlich aufgenommen. Das macht wirklich Spaß. Mit unseren Auftritten und Besuchen möchten wir den Menschen davon etwas wieder zurückgeben. Das gilt auch für Menschen, denen es sehr schlecht geht. Es ist schön, wenn man diesen einen Moment der Fröhlichkeit schenken kann“, sagt Jackie Kenntner, deren Vater Hubertus Durek, das Theater am Dom gegründet hat, dessen künstlerische Leiterin ihre Mutter viele Jahre lang war.

Gemeinsame Auftritte mit
dem Dreigestirn des Reiter-Korps

Besonders eindrucksvoll sind für beide die gemeinsamen Auftritte mit dem Dreigestirn, das in diesem Jahr ebenfalls vom Reiter-Korps gestellt wird. „Es ist großartig, wenn man vom befreundeten Prinzen nach vorne auf die Bühne gerufen wird und vor einem großen Publikum in der Arena das Fööss-Medley gemeinsam singt. Eine weitere Steigerung war nur noch bei der eigenen Kostümsitzung im Sartory möglich, wo wir auch wieder vom Prinzen auf die Bühne geholt worden sind. Das war gerade vor vielen bekannten Gesichtern ein sehr emotionaler Moment. Karneval ist etwas, das die Menschen verbindet. Das ist in Zeiten, wo in den Medien das Trennende Hochkonjunktur hat, besonders wertvoll. Ich finde es schade, dass viele Menschen nicht wissen, wie stark man sich im Karneval sozial engagiert“, sagt Dirk Kenntner, der als Jurist und Bankkaufmann sein eigenes Unternehmen für Finanzdienstleistungen leitet.

Etwa 100 Auftritte absolviert das Jan-und-Griet-Paar in dieser Session. Oft sind die beiden mit dem aktiven Korps unterwegs. Dazu kommen Termine, die beide mit nur der Equipe absolvieren. „Eine besondere Begegnung hatten wir auf der Palliativstation in Merheim. Da saß ein Mann im Rollstuhl und hat mit seiner Frau auf unseren Auftritt gewartet. Die Frau hat uns ein Bild auf dem Handy gezeigt, dass ihren Mann, der im Karneval aktiv war, noch zeigt, wie er auf dem Wagen in Zug steht. Auch der Todesfall im eigenen Korps hat uns sehr tief bewegt. Dazu kam der Besuch auf der Kinderkrebsstation, wo wir es geschafft haben, den kleinen Patienten ein Lächeln ins Gesicht zu bringen“, berichtet Jackie Kenntner. Auch sie ist selbstständig und hat ein Geschäft für Damen- und Kindermode.

„Schön ist, dass man als Jan und Griet auch einen ganz anderen Einblick in die eigene Gesellschaft bekommt. Vorher hat man sich mehr auf die eigene Schwadron konzentriert. Jetzt kennen wir das gesamte Reiter-Korps sehr gut. Die Kameradschaft dort ist großartig. Es ist ein rücksichtsvolles Miteinander und das ganzjährig. Für die Gesellschaft ist unser Dreigestirn gerade ein großer Schub“, sagt Dirk Kenntner.

Dass sie Jan und Griet in diesem Jahr darstellen dürfen, wussten die beiden schon im Dezember 2018. „Wir mussten es aber noch bis zum Sommerfest im vergangenen Jahr geheim halten. Das war eine spannende Zeit für uns. Wir wussten auch, dass es eine Bewerbung für das Dreigestirn aus den eigenen Reihen gibt, das war dann der Turbo für uns“, sagt Kenntner. Für beide kommt an Weiberfastnacht der große Moment. Dann wird das historische Spiel um den Jan und die Griet auf dem Chlodwigplatz aufgeführt. „Wir hatten sieben Proben. Dazu kamen noch die Reitstunden, die ich für das Spiel nehmen musste. Jetzt ist das Lampenfieber schon da, wir waren im Vorjahr schon als Statisten dabei, um erste Erfahrungen zu sammeln“, sagt Dirk Kenntner.

Kindern wird die Geschichte von Jan und Griet nähergebracht

Einen besonderen Auftritt gab es auch in der Katholischen Grundschule Kapitelstraße mit dem Dreigestirn. „Das ist eine Schule, in der sehr viele Kinder einen Migrationshintergrund sind. Wir versuchen, ihnen den Karneval etwas näherzubringen. Dafür wird die Geschichte von Jan und Griet mit in einer kindgerechten Version mit den Schülern aufgeführt. Dafür haben die Kinder extra selbst Kostüme gefertigt, die sie auch bei den Schull- un Veedelszöch tragen werden. Da sind sie dann alle als kleine Jan‘s unterwegs. Die Schüler haben schon bei einer Klassenfahrt an die Nordsee bei einer Wattwanderung den Jan-von-Werth-Marsch gesungen“, sagt Jackie Kenntner.

In der Session sind die beiden fast jeden Tag als Jan und Griet unterwegs. „Das macht auch Arbeit. So müssen die weißen Spitzen meines Kostüms gereinigt und gestärkt werden. Die Metallteile werden poliert und auch die Schürzen bei Griet müssen immer frisch gereinigt sein“, berichtet Dirk Kenntner. Wenn es etwas später wird oder auch während des Straßenkarnevals übernachtet das Ehepaar aus Bonn-Beuel in ihrer Hofburg, dem Mercure Hotel an der Friesenstraße. „Dort gibt es beim ersten Einzug immer ein kleines Ritual. Man hängt das Bild des Vorgängerpaares über dem Bett ab und ersetzt es durch das eigene Bild. Im Zimmer hängen die Bilder der letzten zehn Paare mit Orden und Spangen.“

Zu den größten Momenten zählt für Dirk und Jackie Kenntner die eigene Proklamation in der Flora: „Das war für uns wie in Hollywood mit dem in Grün und Weiß illuminierten Festsaal. Man muss auf der Bühne die richtige Mischung von Lockerheit und Witz mit der Würde vor dem historischen Charakter hinbekommen. Da gibt es vorher keine Schulung. Man tauscht sich mit den Vorgängern aus und arbeitet sich in die historische Materie ein. Das war für uns sehr spannend. Jan und Griet werden für uns immer ein Teil unseres Leben bleiben, dafür sind wir sehr dankbar. Wir werden wohl aber auch noch die Wochen nach dem Ende der Session brauchen, um alle Eindrücke verarbeiten zu können.“