Gehört Geiselnehmer zum IS? - Bahnverkehr rollt wieder

Kölner Hauptbahnhof: Geiselnehmer soll sich zum IS bekannt haben - Bahnverkehr rollt wieder

Über Stunden hatte im Kölner Hauptbahnhof ein Mann eine Frau in seiner Gewalt, dann griff die Polizei zu. Drei Unbeteiligte wurden zum Teil schwer verletzt. Ein syrischer Pass wurde am Tatort gefunden.

Die Polizei hat nach der Geiselnahme in einer Apotheke im Kölner Hauptbahnhof einen terroristischen Hintergrund nicht ausgeschlossen. Ermittelt werde aber "in alle Richtungen", sagte die stellvertretende Polizeipräsidentin Miriam Brauns am Montag. „Im Zusammenhang mit dem Betreten der Apotheke soll er Passanten zufolge auch gerufen haben, dass er zur Terrorgruppe Daesh gehört“, sagte Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt am Montagabend. „Daesh“ ist der arabische Name für die Terrormiliz Islamischer Staat. Weitere Hinweise dazu gebe es aber nicht.

Während der Geiselnahme wurde neben dem Täter drei Personen verletzt, darunter ein 14-jähriges Mädchen. Die Jugendliche wurde durch einen Molotowcocktail am Fuß verletzt, teilte die Polizei auf einer Pressekonferenz am Abend mit. Es war noch vor dem Zugriff durch die Polizei aus dem Kölner Hauptbahnhof ins Krankenhaus gebracht worden. Die Geisel, eine Angestellte der Apotheke, erlitt einen Schock und eine Benzingasvergiftung. Eine weitere Person erlitt eine Rauchgasvergiftung.

Geisel zwei Stunden in Gewalt des Täters

Der Molotwcocktail wurde nach Aussagen der Feuerwehr in dem Schnellrestaurant gezündet. Die Sprenkleranlage löste sich danach aus. Der Täter ging anschließend in die Apotheke und verschanzte sich dort mit der weiblichen Geisel. Etwa zwei Stunden hatte er sich dort mit der Frau aufgehalten.

Täter hatte Schusswaffen

Es seien blaue Campinggaskartuschen und Brandbeschleuniger gefunden worden, von denen einige mit Klebeband verbunden gewesen seien, sagte ein Polizeisprecher am Montagabend bei einer Pressekonferenz in Köln.

Beim Zugriff der Einsatzkräfte habe der Täter die Frau massiv bedroht und versucht, sie anzuzünden. Der Mann habe eine Schusswaffe in der Hand gehabt, noch unklar sei, ob es sich um eine echte Waffe oder einen Gasrevolver handelte. Die Einsatzkräfte haben beim Zugriff auf den Täter geschossen. Dabei wurde der Mann schwer verletzt und musste reanimiert werden. Anschließend wurde der Angreifer in eine Klinik gebracht und befinde sich in ärztlicher Behandlung. Die Frau wurde bei der Geiselnahme nach Angaben der Polizei mittelschwer verletzt.

Pass in Apotheke gefunden

Am Tatort sind in der Bahnhofsapotheke laut Kriminalpolizei Papiere eines 55 Jahre alten Syrers gefunden worden. Demnach habe der Besitzer dieser Papiere eine Duldung bis Mitte 2021 erhalten. Der Geiselnehmer sei mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ der Passinhaber. Die Ermittler betonten gleichzeitig, dass die Identität des Täters aber noch nicht eindeutig geklärt sei. Der Inhaber des gefundenen Dokumentes von 2016 sei umfangreich wegen verschiedener Delikte wie Diebstahl und Drogen bekannt.

Der Ausweis wurde den Polizeiangaben zufolge im hinteren Bereich der Apotheke gefunden, in dem sich der Mann mit seiner Geisel verschanzt hatte. Der Aufenthaltstitel sei von der Stadt Köln ausgestellt worden. Der syrische Staatsangehörige, auf den er ausgestellt ist, habe eine Duldung in der Stadt bis Mitte 2021 erhalten.

Freilassung von Tunesierin gefordert

Erste Notrufe hatten die Polizei am Mittag erreicht. Dort war zunächst nur von einer „Bedrohungslage“ in einer Apotheke die Rede. Der Vorplatz des Hauptbahnhofs zum Dom wurde gesperrt und gesichert. Auch den Breslauer Platz an der Rückseite des Bahnhofs, an dem die Apotheke liegt, sperrten Einsatzkräfte großräumig ab. Spezialeinsatzkräfte sammelten sich dort und bereiteten sich auf den Zugriff vor.

Einsatzkräfte konnten dann Kontakt mit dem Geiselnehmer aufnehmen. Dieser forderte freien Abzug, sowie einen Koffer und eine Reisetasche, die er im Café des Schnellrestaurants hatte liegen lassen. Außerdem forderte er die Freilassung einer Tunesierin. Während der Geiselnahme soll der Täter Kontakt mit einer anderen Apotheke aufgenommen haben. Dort sei zufällig ein arabisch sprechender Mann anwesend gewesen, der die Kommunikation übernahm.

Die Staatsanwaltschaft Köln hat unterdessen ein Ermittlungsverfahren wegen versuchten Mordes und Körperverletzung gegen den Geiselnehmer im Kölner Hauptbahnhof eingeleitet. Das teilte eine Sprecherin der Behörde am Montagabend mit.

Kölner Hauptbahnhof stundenlang gesperrt

Während des Einsatzes wurde der Bahnhof evakuiert, Züge wurden weiträumig umgeleitet. Einige Züge endeten vorzeitig. Da auch die Schnellstrecke nach Frankfurt nach einem ICE-Brand gesperrt ist, stand nahezu der komplette Bahnverkehr rund um Köln still.

Nach dem Ende der Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof war der vielbefahrene Knotenpunkt zunächst für den Zugverkehr gesperrt geblieben. Mehrere Stunden nach dem Ende der Geiselnahme ist der gesperrte Kölner Hauptbahnhof wieder freigegeben worden. Das twitterte die Deutsche Bahn am Montagabend. „Gleise 1 bis 9 wieder befahrbar“, hieß es weiter.

Der Kölner Hauptbahnhof gehört zu den meistfrequentierten Bahnhöfen in Deutschland. Der Schienenknotenpunkt liegt im Stadtzentrum direkt neben dem Kölner Dom. Täglich durchströmen ihn rund 1300 Züge, bis zu 280 000 Reisende kommen hier auf elf Gleisen an oder fahren ab.

Die Deutsche Bahn erwartet keine gravierenden Auswirkungen mehr für Bahnreisende am Kölner Hauptbahnhof an diesem Dienstag - aber noch vereinzelte Probleme. „Wir werden weitgehend planmäßig fahren können. Wir bitten um Verständnis, dass die Sperrung der Drehscheibe Köln noch Auswirkung haben kann“, sagte eine Sprecherin am Montagabend zur voraussichtlichen Situation.

Der Bahnhof war wegen der Geiselnahme seit den Mittagsstunden gesperrt gewesen. Nach Schätzungen der Deutschen Bahn NRW waren Hunderte Züge von der stundenlangen Sperrung betroffen. Fernzüge, Regionalbahnlinien und S-Bahnen sollten umgeleitet werden. Einige Züge endeten vorzeitig.

Polizei hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung

Die Polizei hofft, dass Fotos und Videos von Zeugen bei den Ermittlungen helfen. Dazu hat die Kriminalpolizei am Montag die Online-Seite nrw.hinweisportal.de freigeschaltet. Wer Fotos oder Videos rund um die Geiselnahme gemacht habe, werde gebeten, sie dort hochzuladen, teilte die Polizei mit.

(dpa/red/afp)
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