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Corona: „Es geht um unsere Existenz und um unsere Identität“

Corona : „Es geht um unsere Existenz und um unsere Identität“

Wie erleben Sie die aktuelle Situation im zweiten Lockdown?

Heinz Simon Keller: Ich bedauere es sehr, dass wir auch unter strengen Auflagen, wie dem massiv reduzierten Publikum und unserem Hygienekonzept, nicht spielen dürfen. In der Schweiz ist das möglich. Da geht man föderal vor und entscheidet von Kanton zu Kanton. Es wäre gut, wenn man auch hier bei den Entscheidungen mehr differenzieren würde. Die nach wie vor hohen Zahlen jetzt gut einen Monat nach dem Start des zweiten Lockdowns zeigen, dass es nicht die Theater, Kinos, Konzerte und Museen sind, die das Infektionsgeschehen antreiben. Dafür gibt es andere Gründe. Aber wir nehmen die Entscheidung hin, auch wenn das mental sehr schwierig ist. Wir müssen planen und wissen gleichzeitig nicht, wie es weiter geht. Das drückt aufs Gemüt. Ich hoffe sehr, dass sich das Ganze jetzt mit dem Impfstoff beruhigt, denn es geht um unsere Existenz und um unsere Identität. 

Wie geht das Theater der Keller damit um?

Keller: Wir haben die entsprechenden Anträge für Ausgleichszahlungen bei Stadt und Land gestellt. Das hat bislang gut funktioniert. Aber wir wissen nicht, ob das auch noch im kommenden Jahr so der Fall ist. Wir zahlen auf jeden Fall unseren Schauspielern die Gagen weiter, den die Soloselbstständigen sind die Leidtragenden der aktuellen Situation. Dafür gehen wir auch ins Minus. Ich hoffe sehr, dass wir ab Mitte Januar wieder spielen können. Es braucht seine Zeit, bis alles wieder richtig anläuft und bis das Publikum zurückkehrt. Diese Erfahrung haben wir schon nach der letzten Wiedereröffnung gemacht. 

Welche Bedeutung hat die Kultur in der Krise?

Keller: Darüber wird aktuell intensiv diskutiert. Kultur ist immanent wichtig und kleine Theater sollten wieder kontrolliert mit den entsprechenden Auflagen spielen dürfen, weil von ihnen keine Gefahr ausgeht. Da würde ich mir eine etwas differenzierterer und entspanntere Sichtweise der Politik wünschen, wie das in der Schweiz der Fall ist. Wir haben hier keine amerikanischen oder englischen Verhältnisse. Und wir Theaterleute leben von den Auftritten und vom Kontakt zu unserem Publikum. Ohne das sind Schauspieler keine Schauspieler mehr. Wir haben nur den Abend mit der Vorstellung, um uns draußen zu zeigen. Zumindest geht aktuell der Probenbetrieb weiter und wir werden am 12. Dezember unsere erste Streaming-Premiere haben, worüber ich sehr froh bin. Das ist zwar kein gleichwertiger Ersatz für den Liveauftritt, aber es ist zumindest ein Lebenszeichen von uns. 

Wie sehen die konkreten Folgen für das Theater aus?

Keller: Wir werden ins Minus gehen, auch wenn uns das rechtlich gesehen als kleiner, gemeinnütziger Verein eigentlich gar nicht erlaubt ist. Das wird gerade juristisch geklärt. Ansonsten laufen die Anträge auf Ausgleichszahlungen. Wir erwirtschaften die Hälfte unseres Etats über die Eintrittsgelder, die es im Moment nicht mehr gibt. Wir haben mit unserer großen Werkshalle noch Glück und könne bis zu 60 Zuschauer hereinlassen – vorausgesetzt natürlich, dass wir vor Publikum spielen dürfen. 

Wie lief es nach der Wiedereröffnung im Sommer?

Keller: Nachdem wir Ende Mai wieder öffnen durften, haben wir eine tolle Zeit erlebt. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, waren sehr konzentriert und vorsichtig. Der Einlass hat wegen der Abstandsregeln bis zu 30 Minuten gedauert. Dafür wollte der Applaus zum Schluss nicht enden. Die Zuschauer waren froh, wieder etwas Normalität zurückzuhaben. Auch der September fing in der neuen Spielzeit gut an und der Oktober war richtig stark. Die Atmosphäre während der Vorstellungen war großartig und die Leute sind gerne zu uns gekommen. 

Wer hat den Weg ins Theater gefunden?

Keller: Der Anteil der jungen Leute war besonders hoch. Wir hatten allerdings auch einen jungen Spielplan. Die jungen Leute wollen sich treffen und gehen auch lockerer mit den Regeln um, da sie sich für weniger gefährdet halten. Es gab ältere Zuschauer, denen 50 Menschen in einem Raum schon zu viel waren. Aber diese Klagen sind im September und Oktober völlig verschwunden. Eigentlich hatten wir auch ein Coronastück zu Silvester geplant, das von der Abschlussklasse unserer Schauspielschule auf die Bühne gebracht werden sollte. 

Welche Folgen hat die Pandemie für die jungen Schauspieler?

Keller: Für die Jungen ist die Situation besonders bitter. Die haben keine Chance, wenn sie nicht schon in den Vorjahren gedreht haben. Gerade die kleineren städtischen Bühnen sind blockiert. Da werden keine Gastschauspieler engagiert und die Neueinstellungen werden verschoben. Dazu kommt, dass aktuell auch nur noch sehr verhalten gedreht wird. Da sind Dinge wie ein Grundeinkommen für Künstler jetzt gefragt. 

Wie sieht Ihr Berufsalltag aktuell aus?

Keller: Jetzt wird es langsam wieder etwas ruhiger. Die erste digitale Premiere kommt am 12. Dezember. Ansonsten müssen wir weiter planen, was im Moment ganz schwierig ist. Aber überhaupt planen zu können, hält uns bei Laune und bietet so etwas wie ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Der Spielplan bis zum Sommer ist fertig, jetzt geht es schon um die Spielzeit 2022/22. Da gibt es noch sehr viele Unsicherheiten. 

Was macht Ihnen im Moment Hoffnung und was Sorgen?

Keller: Hoffnung macht mir, dass ich immer wieder grundlos zuversichtlich bin und darauf setze, dass wir bald wieder spielen dürfen. Nur wenn man länger nachdenkt, kommt die dunkle Seite hoch und die Sorge, dass das bis März unter Umständen nicht möglich sein wird. Es ist ein ambivalentes Gefühl. Einerseits sieht man es ein, dass wegen der hohen Zahlen etwas passieren muss. Andererseits leben wir nur über unsere Bühne und die Öffentlichkeit. Wir sind keine Maler oder Schriftsteller, die in ihren Räumen bleiben können. Wir brauchen das nächste Premierendatum und unser Publikum vor Ort.