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Geschichte: Einblicke in den Alltag während der NS-Diktatur

Geschichte : Einblicke in den Alltag während der NS-Diktatur

Mit 19 Jahren bekommt Theo Beckers 1933 seine erste kompakte Kleinbildkamera zu Weihnachten geschenkt. Der junge Kölner entwickelt sich schnell zu einem begeisterten Amateurfotografen. 80.000 Fotos hat er bis zu seinem Tod 2003 geschossen.

Interessant sind vor allem die der ersten Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in den 1930ern. Sie zeigen den Alltag in der NS-Diktatur aus der Sicht eines Menschen, der das System voll unterstützt.

Denn im selben Jahr, in dem er seine Kamera geschenkt bekommt, ist der Kölner freiwillig in die Hitlerjugend eingetreten und übernimmt dort schon bald die ersten Ämter im rechtsrheinischen Köln. Dabei betreut er das Jungvolk, in dem Jungen zwischen 10 und 14 Jahren Mitglied der Hitlerjugend werden. Er schafft den schnellen Aufstieg und ist schon bald für mehrere Hundert Jungen in Kalk zuständig.

Beckers wird 1914 als Sohn einer bürgerlichen Familie in Deutz geboren. Er strebt wie sein Vater den Beruf des Lehrers an, wird aber von der Universität als Student abgelehnt. Stattdessen absolviert er eine Ausbildung als Zahntechniker. Seine katholische Familie ist streng gläubig und in Beckers Zimmer finden sich die Marienbilder direkt neben Porträts von Adolf Hitler.

In den Aufnahmen verschwimmen Politik und Privatleben

Becker versucht, seine Fähigkeiten mit der Kamera zu optimieren. Er schießt Übungsreihen und übt dabei handwerkliche Dinge wie Belichtung und Schärfe, was ihm allerdings nur teilweise gelingt, wie unscharfe und überbelichtete Aufnahmen beweisen. Bei seinen Motiven verschwimmen die öffentliche und die private Welt Beckers. Zwischen Weihnachten 1933 und 1937 macht er etwa 3000 Aufnahmen. Fotografiert werden Familienfeiern und Ausflüge genauso wie Fahrten der HJ oder politische Aufmärsche. Zu sehen sind sein Zimmer und die Haustiere genauso wie kirchliche Prozessionen und Karnevalsumzüge. Immer wieder inszeniert Beckers auch Bilder, so wenn er Hakenkreuz-Flaggen mit einer Domansicht auf seine Filme bannt.

Finanziert bekommt der Kölner sein in dieser Zeit ziemlich teures Hobby, indem er Bilder an Freunde und Bekannte verkauft, die keine Kamera besitzen. Das Entwickeln der Filme in der Dunkelkammer übernimmt der Hobbyfotograf selbst. Seit 2018 gehört der Bestand von Beckers Fotografien dem NS-Dok. Dort sind in der Sonderausstellung „Theo Beckers. Ein junger Nationalsozialist fotografiert Köln“ bis zum 18. September 300 Aufnahmen zu sehen, die nach verschiedenen Themenfeldern und Gegensatzpaaren wie „Privat – Politisch“, „Freizeit – Dienst“ oder „Alltag – Ausnahme“ angeordnet worden sind.

Die Ausstellung lädt zum Hinschauen, Entdecken und Nachdenken ein: Wie sah der lokale HJ-Funktionär Theo Beckers seinen Alltag und die Stadt, in der er lebte? Zu welchem Bild von ihm und seinem Leben setzen sich die Aufnahmen zusammen? Prägte sein Engagement für den Nationalsozialismus auch seine Fotografie? Wie passen sie zu den Vorstellungen, die wir uns vom Leben in der NS-Diktatur machen? „Dabei muss sich der Betrachter darauf einstellen, dass so manches der Bilder mehr Rätsel aufgibt, als dass es Fragen beantworten kann. Die Bilder selbst können angefasst und umgestellt werden“, sagt die Kuratorin der Sonderausstellung Hanne Leßau.

 

Service: Sonderausstellung „Theo Beckers. Ein junger Nationalsozialist fotografiert Köln“, 25. Mai bis 18. September im NS-Dokumentationszentrum am Appellhofplatz 23-25, Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 4,50 (ermäßigt 2) Euro. Führungen: 5. Juni 16 Uhr, 3. Juli 11 Uhr, 4. August 20 Uhr und 18. September 15 Uhr.