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Geschichte: Ein Kleinod der Sakralarchitektur und Ausstattungskunst in Köln

Geschichte : Ein Kleinod der Sakralarchitektur und Ausstattungskunst in Köln

Auch für den wohl bekanntesten Kölner Schriftsteller war es ein Zeichen der Hoffnung bei der Rückkehr ins zerstörte Köln: „In der Stadt wohnten nicht nur dreißigtausend Einwohner, außerdem noch zwei Madonnen.

Die eine schön, später Trümmermadonna genannt, die andere nicht schön, aber groß, sehr alt, erdhaft, unsymmetrisch, mit gläsernen Augen. Sie steht in Sankt Maria im Kapitol“, schrieb Heinrich Böll im November 1945.

Es war wie ein Wunder – während ringsherum nur noch Trümmer zu sehen waren, hatte die spätgotische Madonna den Bombenhagel unversehrt überstanden und befand sich inmitten der Ruine der Kirche St. Kolumba. Schon früh brachte der Oberpfarrer Joseph Geller den Gedanken auf, aus den Überresten von Kolumba mitten in der Innenstadt eine Trauer- und Gedenkstätte an die Toten und den Schicksalstag der Stadt Köln zu machen.

Gottfried Böhm bekam den Auftrag für die Marienkapelle

Man war sich schnell einig, die komplett zerstörte Kirche nicht mehr wiederaufzubauen. 1948 bekam der Kölner Architekt Gottfried Böhm den Auftrag, an der Kolumbastraße eine Marienkapelle rund um die Madonna im Untergeschoss des ehemaligen Turms zu bauen. Diese sollte die noch erhaltenen Reste von St. Kolumba in diesem Bereich schützen. Auch den Bau einer neuen Gemeindekirche war vorgesehen.

Der Grundstein für die Kapelle wurde 1949 gelegt, dabei veränderten sich Böhms Pläne kurz danach noch einmal. In den neuen Plänen war auch der Einbau der 1942 bei Heinrich Campendonk in Auftrag gegeben Kirchenfenster „Chisti Geburt“ und „Auferstehung“ vorgesehen, die bereits vorhanden waren. Der Bau der Kapelle zog sich bis in den Spätherbst 1950 hin.

Dabei gab es immer wieder Änderungen bei den Bauplänen. So entstand die zeltartige Erscheinung der Kapelle, die mit der Wiederverwendung von Trümmermaterial korrespondierte. Ausgestattet wurde diese mit zeitgenössischen Werken, bei deren Entstehen Geller beteiligt war. Der Pfarrer nahm so ein ganz maßgebliche Rolle bei der Gestaltung des Bauwerks ein. Die Weihe der Kapelle erfolgte im Dezember 1950.

Die Kapelle, die heute Teil des Erzbischöflichen Kunstmuseums Kolumba ist, gilt als ein Kleinod Kölner Sakralarchitektur und Ausstattungskunst. „Ihre architektonische Qualität bezieht sie aus der Not, einen möglichst einfachen Neuanfang zu wagen und gleichzeitig selbstbewusst eine zeitgenössische Interpretation des Grundstücks zu leisten. Die Einbeziehung des Turmuntergeschosses der Kirchenruine, die Schlichtheit des Chorraumes, die Gewebedecke und die spolienhafte Wiederverwendung von Trümmermaterial verleihen der Kapelle eine nahezu improvisierte Leichtigkeit, mit der sie als Geste von Bescheidenheit Architekturgeschichte schrieb“, zeigt sich der Direktor des Kolumba, Stefan Kraus, in seinem Beitrag zu einem neuen Buch über das einzigartige Bauwerk begeistert.

Andere Teile des Kolumbageländes wie zum Beispiel die Reste des Pfarrhauses konnten nicht erhalten werden. Anfang 1952 bekam Böhm den Auftrag, die Lücke an der Kolumbastraße zwischen der bestehenden Kapelle und der nördlichen, alten Kirchenmauer mit einer Beicht- und Sakramentskapelle zu schließen. Die Ausstattung der Marienkapelle wurde derweil mit weiteren von Ludwig Gies gestaltenen Chorfenstern erweitert. Der Bau der Sakramentskapelle verzögerte sich, sie konnte erst 1957 eingeweiht werden. Das Gebäude wurde komplett neu errichtet.

An der Kolumbastraße fanden die zurückgekehrten Franziskaner-Minoriten ihren Platz für ein neues Kloster. Dafür nutzte der Orden auch die neuen Kapellen. Weiterverfolgt wurde zudem der Aufbau der neuen Kirche St. Kolumba. Auch hier lieferte Böhm seine Entwürfe. Noch immer waren die Ruinen des Vorgängerbaus mitten in der Stadt zu sehen. Ihr Erhalt wurde insbesondere nach dem Tod Gellers immer wieder in Frage gestellt. Teile der Kirchenmauern wurden 1968 abgebrochen. Der Kirchenneubau stand damals wegen der fehlenden Zahl an Gemeindemitgliedern nicht mehr zur Debatte.

1963 wurden auf dem Gelände mittelalterliche Gewölbegräber entdeckt. Umfassende Ausgrabungen wurden geplant und begannen 1974. Gleichzeitig wurde Böhm vom projektierenden Kolumba-Institut nun mit den Planungen eines Tagungshauses auf dem Gelände beauftragt, das als Begegnungsstätte dienen sollte. Doch auch diese Planungen wurden nicht realisiert. Das Tagungshaus wurde später an anderer Stelle Teil des Maternushauses. Heute ist die Kapelle Maria in den Trümmern der mystische Kern des Kolumba, ein Museum, das nach dem Plänen von Peter Zumthor auf den Grundmauern der Kirchenruine errichtet worden ist. Es wurde 2007 eröffnet.

 

Stefan Kraus, Anna Pawlik, Martin Struck: Kolumba Kapelle, Kolumba, 96 Seiten, 20 Euro