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Genuss: Ein kleines Missgeschick schreibt große Kochgeschichte

Genuss : Ein kleines Missgeschick schreibt große Kochgeschichte

Es war ein großes Fest, das der englische Thronfolger Edward Prince of Wales und spätere König Edward VII. mit 18 Freunden im legendären Café de Paris in Monte Carlo feierte. Voller Lebenslust schlemmte sich der Sohn der gestrengen Königin Victoria durchs edle Menü von Georges Auguste Escoffier, dem König der Köche.

Bedient wurde die Gesellschaft vom erst 14-jährigen Commis Henri Charpentier.

Und dem jungen Mann passierte ausgerechnet zum Dessert ein ziemliches Missgeschick, denn die Crêpe fing dank des darüber gegossenen hochprozentigen Likörs plötzlich Feuer. Die Verlegenheit beim unerfahrenen Kellner war groß, doch der Thronfolger genoss seinen flambierten Nachtisch und war voll des Lobs für die Neukreation. Den Vorschlag, diese nach ihm zu benennen, lehnte er allerdings ab und gibt ihr den Namen eines jungen Mädchens, das neben ihm saß – und so entstand die bis heute beliebte Crêpe Suzette. Allerdings, so sagt es die Legende, sei die junge Frau nicht sehr begeistert gewesen zu sein, da sie sich vom Abend einen Diamantring statt der kulinarischen Ehre erhofft hatte.

„Es sind oft die Zufälle und Notlösungen, die die Kochgeschichte beeinflusst haben“, weiß Dieter Weidenfeld, der in seinem neuen Buch „Wie eine Auster das Zarenreich rettete“ viele Anekdoten rund ums Essen und Trinken gesammelt hat. „Ich habe seit 30 Jahren eine Wohnung an der Atlantikküste in Frankreich. Dort habe ich mich immer gerne mit Freunden zu einem guten Essen getroffen. Darunter waren viele Gourmets und Köche. Erzählt wurden häufiger Geschichten rund ums Essen, die ich gesammelt habe“, erinnert sich der gebürtige Kölner, Feinschmecker und Musikmogul, der unter anderem Künstler wie Gilbert Becaud, Adamo, Howard Carpendale, Matthias Reim, Peter Kraus und Rex Gildo betreut hat.

Die gesammelten Geschichten waren Weidenfeld aber nicht ausreichend, um daraus irgendwann ein Buch zu machen. „Ich bin in die französische Nationalbibliothek nach Paris gegangen in der Hoffnung, dass es dort eine Spezialabteilung für das Thema gibt. Leider wurde ich enttäuscht, aber die freundliche Dame am Empfang gab mir den Tipp, dass es bei Versailles einen berühmten Koch gibt, der in seinem Schloss mehr als 7000 Bücher zum Thema Essen und Trinken besitzt.“ Kurz entschlossen macht sich der Wahlmünchener auf den Weg und findet in den bis zu 200 Jahre alten Büchern endlich die Geschichten, die er für sein Projekt sucht.

Darunter ist auch die vom sogenannten „Nierdenduell“. Gestritten wurde dabei um einen im berühmten Pariser Café Anglais servierten Nierenbraten. „Das Café war der gastronomische Mittelpunkt der Hauptstadt, wo sich Zaren, Kaiser und Könige trafen, und Nierenbraten galt damals als ein eher proletarisches Gericht. Als ein vornehmer Gast trotzdem seine Nieren haben wollte, entschloss man sich, diesem Wunsch nachzukommen. Leider war der Tischnachbar, ein stadtbekannter Snob, nur wenig begeistert. Er beschwerte sich lautstark und ließ sich einen weit entfernten Tisch zuweisen. Der fremde Gast hingegen genoss sein Gericht zunächst und stand dann aber auf, ging zu seinem früheren Tischnachbarn und forderte diesen zum Duell. Der zog den Kürzeren, der Degenstoß traf allerdings nicht die Nieren, sondern die Brust des Kontrahenten.“

Weitere Geschichten drehen sich um die Legendenbildung bei der Suche nach dem Ursprung der Mayonnaise oder der staatstragenden Frage, wer das Sauerkraut erfunden hat. Es geht um Monarchen, die ihre Fresssucht mit dem Leben bezahlen und um eine Primadonna, die das Leben und große Portionen Spaghetti liebte. Begleitet werden die schönen Anekdoten von den dazu passenden Rezepten des berühmten Sternekochs Heinz Winkler.

Nach seinem persönlichen Lieblingsgericht gefragt, antwortet Weidenfeld „Trüffel aller Art“. Ist er jedoch in seiner alten Heimat Köln unterwegs, freut er sich besonders auf die rheinischen Muschelgerichte. „Wenn ich in der Stadt bin, fühle ich mich sofort zu Hause. Es reicht schon, wenn ich ins Taxi steige und der Fahrer Kölsch spricht. 37 Jahre habe ich in dieser Stadt gewohnt, bevor ich nach München gezogen bin.“ Zu den Persönlichkeiten, mit denen es Weidemann damals zu tun hatte, gehörte auch Trude Herr. „Sie hatte sich mit ihrer Agentur zerstritten und bat mich noch als Student, ihr Management zu übernehmen. Ich habe an ihrer ersten Büttenrede mit geschrieben, die ihr den Weg zur Komikerkarriere frei gemacht hat. Dabei habe ich sie am Klavier begleitet. Auch den ersten Filmvertrag konnte ich für sie abschließen“, erinnert sich der heute 90-Jährige an seine Zeit am Rhein.

 

Dieter Weidenfeld: Wie eine Auster das Zarenreich rettete und andere kulinarische Geschichten, Echt EMF, 208 Seiten, 20 Euro