Technik : Drehbrücke wird 111 Jahre alt

Industriedenkmal im Deutzer Hafen wird zum Jahresende aufwendig saniert. Für 40 Wochen bleibt die Zufahrt zu den Poller Wiesen gesperrt.

Es ist eindrucksvoll, wenn sich die Drehbrücke im Deutzer Hafen in Bewegung setzt, um ein Schiff durchzulassen. Autofahrer, Radler und Fußgänger müssen dann etwa zehn Minuten warten, bis sich die Brücke zurückgedreht hat und die Durchfahrt zu den Poller Wiesen wieder offen ist.

Das passiert aktuell etwa ein- bis zweimal pro Tag. Meist sind es Schiffe, die den Schrotthandel oder die große Mühle im Deutzer Hafen anfahren. Zunächst wird die Brücke manuell entriegelt, dann übernimmt die moderne Steuerungstechnik. Die Brücke fährt langsam an, beschleunigt in der Drehung und bremst dann wieder sanft ab.

In Deutschland gibt es
nur noch 14 Drehbrücken

In diesem Jahr kann die Drehbrücke ihren 111. Geburtstag feiern. Der Baubeginn war 1907, die Inbetriebnahme erfolgte am 27. März 1908. Seit 1980 steht die Brücke unter Denkmalschutz. Sie ist eine ungleichschenklig ausbalancierte Brücke – was diese ziemlich einzigartig macht. Sie wird über eine versetzte Achse gedreht, weil es einen kurzen und einen langen Arm der Brücke gibt. Dieses Patent wird in der Fachsprache „Königsstuhl“ genannt.

In Deutschland gibt es noch 14 Drehbrücken, in NRW sind es drei – zwei davon befinden sich in Köln, eine weitere gibt es in Krefeld. Deren Zukunft sieht aber wohl laut den Kölner Experten eher düster aus. In Köln befindet sich die zweite Drehbrücke im Rheinauhafen – sie ist etwa zehn Jahre älter als das Deutzer Modell, das es so in der Bau- und Konstruktionsart kein zweites Mal mehr gibt. „Solche Brücken sind eine aussterbende Gattung. Dabei ist die Brücke hier in Deutz eine so wunderschöne wie auch einzigartige Brücke“, erklärt Stadtkonservator Thomas Werner. Zu sehen sind an der Drehbrücke auch noch Kriegsschäden wie die Einschläge von Gewehrkugeln.

Zu den besonderen Merkmalen der Brücke, die als asymmetrische, genietete Stahlfachkonstruktion gebaut worden ist, gehören die Verzierungen des Geländers, der Brückenköpfe und des Steuerhauses im geometrischen Jugendstil. Beim Geländer sind alle einzelnen Bleche in Handarbeit entstanden. Zu den Besonderheiten der Brücke gehört auch, dass der Antrieb sich wegen der Hochwassergefahr im Deutzer Hafen über der Brücke im Steuerhaus befindet. Dieses besteht aus Holz mit Stahlblechverkleidungen und ist vollständig erhalten.

In ihm befinden sich der elektrische Antrieb und die Steuerung der Brücke. Die Steuerungstechnik sowie der Motor wurden vor einigen Jahren erneuert. Jetzt steht die Generalsanierung der 31,2 Meter langen und 458 Tonnen schweren Drehbrücke an. Diese soll Ende des Jahres beginnen und etwa 40 Wochen in Anspruch nehmen.

Dann wird der Korrosionsschutz an der Brücke erneuert und die Fahrbahn wieder instand gesetzt. Dazu müssen die Antriebskomponenten, die Verriegelungsmechanik, die noch von einer Handkurbel und einem altertümlichen Schlüssel bedient wird, die Übergangsmechanik sowie die Elektrotechnik außerhalb des Maschinenhauses demontiert werden.

Da der alte Korrosionsschutz gesundheitsgefährdende Stoffe enthält, muss die gesamte Brücke eingehaust werden. Dafür wird die Brücke so gedreht, dass Schiffe passieren können. Für Autos, Radler und Fußgänger bleibt die Drehbrücke dann während der gesamten Bauzeit gesperrt – eine Umleitung wird eingerichtet. Saniert wird denkmalgerecht für insgesamt 3,6 Millionen Euro. Nach den derzeitigen Untersuchungsergebnissen befindet sich das wertvolle Geländer außer den verrosteten Stellen in einem guten Zustand, sodass es in seiner Substanz weitgehend erhalten werden kann.

Die Drehbrücke gehört der Stadt und ist eine von 200 Brücken unter der städtischen Verwaltung. Sie gehört zu den beweglichen Brücken, deren bekannteste Vertreterin die London Bridge ist.

Mehr von Westdeutsche Zeitung