Ausstellung : Die neue Sicht auf Pflanzen

Was ist dem Menschen die Pflanze? Die Ausstellung „Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen“, die im Herbst im Museum Ludwig gezeigt wird, führt zurück ins frühe 20. Jahrhundert und fragt nach der Darstellung der Pflanze in den Künsten und ihrer Betrachtung in der Botanik.

Denn so nüchtern Topfpflanzen im Bild auf den ersten Blick aussehen mögen, so sachlich sich botanische Berichte lesen, erzählen sie immer auch von den Widersprüchen, Ängsten, Sehnsüchten und Ideologien der Moderne. Die Ausstellung widmet sich dem Thema mit rund 130 Exponaten in drei Kapiteln:

„Die Pflanze als das Andere“:

Mit ihrem Lied vom kleinen grünen Kaktus besangen die Comedian Harmonists ein Gewächs, das zu Anfang des 20. Jahrhunderts außerordentlich populär war. „Gejagt“ wurden die Kakteen in den beiden Amerikas, um für den deutschen Markt weitergezüchtet und verkauft zu werden. Wie ein Großwildjäger ließ sich der Pflanzensammler Curt Backeberg in weißer Kleidung und mit Lasso im Arm neben einem meterhohen Kaktus porträtieren. Insofern waren die Zimmergärten, die gepflegt, besungen, fotografiert und gemalt wurden, koloniale Zimmergärten – und damit die private Fortsetzung jener Palmenhäuser, die im 19. Jahrhundert beliebt geworden waren.

Wer modern sein wollte, umgab sich zuhause mit Kakteen, Gummibäumen und anderen Pflanzen, die im Freien nur in wärmeren Klimazonen wuchsen, aber dank Kohleheizung und großer Fenster im privaten Innenraum zur Geltung gebracht werden konnten. Aenne Biermann fotografierte die Kakteen ihrer eigenen Sammlung, Albert Renger-Patzsch sprach Empfehlungen zur Aufnahme von Kakteen für Hobby-Fotografen aus, die Kunsthistorikerin und Sammlerin Rosa Schapire ließ sich von Karl Schmidt-Rottluff ein „Kakteenheim“ gestalten.

In Interieur-Zeitschriften präsentierte man derweil Stahlrohrmöbel ganz selbstverständlich neben Kakteen. Gefeiert für seine „kristalline“, meist blütenlose Form, wurde der Kaktus in modernen deutschen Wohnungen zum dekorativen Anderen.

„Die Pflanze als das Angeeignete“:

Im Blumenkleid zitierte auch die Neue Frau nach 1918 noch Flora, die Göttin der Blüte. In einer Zeit zunehmender „Geschlechterunordnung“, in der kurze Haare nicht länger die sexuelle Identität einer Frau markierten und Magnus Hirschfeld geschlechtsangleichende Operationen vornahm, blieb die Blume in der Mode präsent: August Sanders rauchende Garçonne Anneli Strohal trägt Blumen auf ihrem Kleid, so wie Lili Elbe schon vor ihren Operationen. Und Marlene Dietrich lässt dem Knopfloch ihres dunklen Anzugs eine überdimensionierte Blüte entspringen, einem Augenzwinkern gleich, denn die Angst vor der „Vermännlichung“ der modernen Frau war immer wieder formuliert worden.

Die Aneignung von Blüten als passives Lockorgan im Dienste der Fortpflanzung findet sich in wohl rituellster Ausformung in Hochzeitsbildern, im Haar und in den Händen der Bräute. Auch unter der Kleidung, nämlich als Tattoo, entfaltete sich Florales, wie ein Blick auf die Tätowierkunst Christian Warlichs aus den 1920er Jahren zeigt. 

„Die Pflanze als Verwandte“:

„Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“ Nicht nur den Philosophen Walter Benjamin faszinierten die Fotografien von Pflanzen unter dem Mikroskop oder Aufnahmen im Zeitraffer. Die Kinos waren voll, als 1926 „Das Blumenwunder“ das Pflanzendasein ganz neu vor Augen führte. Dabei lagen dem „Wunder“ Zeitraffer-Laboraufnahmen von Experimenten mit dem ersten künstlichen Dünger zugrunde, der helfen sollte, die wachsende Bevölkerung zu ernähren.

Dass die Pflanze lebt, sich bewegt, einen Puls habe und ermüden könne, beschrieb der Physiker Jagadish Chandra Bose in seinem Buch „Die Pflanzenschrift“. Zur gleichen Zeit ließ der Biosoph Ernst Fuhrmann Pflanzen dramatisch beleuchtet und inszeniert für seinen Fotoband „Die Pflanze“ als Lebewesen ablichten. Die Grenzen zwischen den Lebensformen waren fluider geworden und so wundert es nicht, dass in Film und Literatur der Weimarer Republik auch Horrorfantasien von Pflanzen zu verzeichnen sind, etwa zur fleischfressenden Pflanze, deren Anerkennung in der Botanik erst mit Charles Darwin gelungen war.