Rückblick Der Kölner „Sonderweg“ im 16. Jahrhundert

Köln · Im 16. Jahrhundert ist Köln die einzige Stadt von Rang, in der sich die Reformation nicht wenigstens phasenweise durchsetzen konnte. Köln geht seinen „Sonderweg“, der auf dem kölschen Pragmatismus beruht und der das Ziel hatte, sich nicht unnötig in Konflikte zu verstricken.

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Foto: Verlag/Greven

Vieles bleibt in der Stadt so wie es immer war. Im religiösen Leben werden weiterhin Prozessionen abgehalten und Reliquien ausgestellt. Man behielt nicht nur die sieben Sakramente bei, man bestand auch bei der Gewissenserforschung auf die Beichte und ermutigte die Menschen zum häufigeren Empfang des Sakraments und der Eucharistie.

Bei vermeintlich so wenig Bewegung in einem ansonsten sehr bewegten Jahrhundert vermuteten Wissenschaftler, dass die Stadt nach ihrer goldenen Zeit im Mittelalter in einen „Dornröschenschlaf“ gefallen sei, der bis zum Ende des alten Reiches angehalten habe. Erst der heilsame Schock der französischen Besatzung und schließlich der politische Druck Preußens und die Dynamik der Gründerzeit hätten Köln wieder zum Leben erweckt. Dass dies nicht der Fall war, zeigt der französische Historiker und Spätmittelalterexperte Prof. GéraldChaix in seinem neuen Band zur Stadtgeschichte eindrucksvoll. Darin blickt er auf „Köln im Zeitalter der Reformation und katholischer Reform“.

Im Buch entsteht das facettenreiche Bild einer lebendigen Stadt auf ihrem Weg in die Neuzeit. Viele Themen, die Menschen damals in Köln beschäftigen, sind der heutigen Zeit überraschend nahe: So gab es einen großen Zustrom von Migranten aus den Niederlanden, die vor dem blutigen Regiment des Herzogs von Alba flohen. Mit den Flüchtlingen kam auch die Reformation nach Köln, denn viele Niederländer und Antwerpener hatten den reformierten Glauben übernommen. Offiziell wurde der Verstoß gegen den katholischen Glauben verboten und unterdrückt. In der Praxis zeigte man sich jedoch pragmatisch und die neuen Bürger wurden eher wohlwollend empfangen. Allerdings handelte es sich hier nur um eine kleine religiöse Minderheit.

Ein anderes, auch heute noch aktuelles Thema war eine Klimakrise: Die „kleine Eiszeit“ brachte nasskalte Sommer und extrem kalte Winter, was zu schlechten Ernten, hohen Brotpreisen und Hungersnöten führte. Auch die Angst um die Gesundheit spielte eine Rolle: Pestepidemien suchten die Stadt regelmäßig heim und führten zu zahlreichen Todesopfern.

Was die Religion betraf, gab es auch bei der katholischen Kirche keinen absoluten Stillstand. Die katholische Reform, oft getragen von den Impulsen der Jesuiten, führte zu Änderungen. Wenn es erforderlich war, korrigierte man alte Praktiken und übernahm neue. „Die Lage war alles andere als starr und homogen“, schreibt Chais. Man war in Köln also durchaus anpassungsfähig, auch wenn die katholische Kultur in der Stadt bewusst durch die Treue zur Tradition erneuert wurde.

Demografisch wuchs die Stadt im 16. Jahrhundert nicht, konnte aber den Stand von etwa 40.000 Einwohnern durchgehend erhalten. Wirtschaftlich gesehen kam die Stadt trotz einer abflauender Konjunktur gut zurecht. Allerdings stellten der Niedergang der Hanse, die Schließung des englischen Marktes, die Umwälzungen am Niederrhein und der wirtschaftliche Aufstieg von Amsterdam und der Niederlande eine Bedrohung für die Handelsstadt Köln dar. Dynamik gab es durch den Kunsthandel und die künstlerische Produktion auch im kulturellen Bereich. In der Politik blieb der Verbundbrief auch weiterhin die Grundlage. Allerdings schwächte sich die Stellung zugunsten des Rates ab.

Der neue Band zur Geschichte der Stadt Köln zur Reformationszeit ist weit mehr als nur eine Religionsgeschichte. Er versteht sich als „Gesamtschau des Lebens“. Sein Blick reicht „von der hohen Politik über das Wirtschaftsleben bis hin zu Wohnen, Kleidung und Konsum; vom Alltag der kleinen Leute in bescheidenen Häusern inmitten oft sehr schmutzigen Straßen bis hin zu Schmuckstücken der Renaissancekunst wie der um 1570 entstandenen Rathauslaube“, sagt der Historiker Gerd Schwerhoff bei der Vorstellung des Bandes. Und das Werk handelt von „der heiligen, weltberühmten freien Reichsstadt Köln am Rhein“, wo im 16. Jahrhundert allen reichlich Handlungsspielraum gelassen wurde. Im Buch findet sich auch ein Nachdruck des Mercatorplans, dem 1570 als Kupferstich angefertigten, ersten exakten Stadtplan Kölns.

 

Gérald Chaix: Köln im Zeitalter von Reformation und katholischer Reform, Greven, 504 Seiten, 60 Euro

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