Pfingsten Auf den Spuren von „Ruach“

Köln · In der hebräischen Bibel steht der Begriff „Ruach“ für den fließenden Atem der Menschen, den wehenden Wind in der Natur und für den alles durchströmenden Geist Gottes. „Ruach – Atem.Wind.Geist“ ist der Titel einer Ausstellungsreihe in fünf Kirchen, die rund um das Pfingstfest die Menschen auf eine besondere Art und Weise berühren möchte.

 Blick auf die Empore der Christuskirche, bei der alte auf moderne Architektur trifft.

Blick auf die Empore der Christuskirche, bei der alte auf moderne Architektur trifft.

Foto: step/Eppinger

Für das Kunstprojekt der Evangelischen Kirche im Rheinland wurden fünf international renommierte Künstler gefunden, die in Köln, Essen, Trier, Saarbrücken und Düsseldorf ihre künstlerischen Interpretationen präsentieren. Jede wirkt in ihrem Kirchenraum für sich. In ihrer Gesamtheit entwerfen sie zugleich ein ganzheitliches Bild von „Ruach“ und ermöglichen den Besuchern, den Geist auf eine unterschiedliche Weise zu erleben.

Christuskirche:
Multimediale Installation „Flow“

Bis zum 5. Juni ist in der Christuskirche am Dorothee-Sölle-Platz in Köln die Installation „Free Flow“ des Künstlers und Tauchers Aurel Dahlgrün zu sehen. Seine zentralen Elemente und Themen sind das Wasser und die Luft als Naturgewalten. Seine Kunst nimmt ihren Platz in der gesamten Kirche ein. So gibt es an der großen Wandfläche hinter dem Altar eine Projektion mit Bildern, die der gebürtige Berliner unter dem arktischen Packeis vor Grönland aufgenommen hat. Zu sehen sind im kristallklaren Wasser, mit dem eigenen Atem gefüllte Luftblasen, die über dem Altar schweben.

Das reale Wasser findet sich in einem großen, flachen Becken vor dem Altar, um den beim Gottesdienst am Sonntag die Stühle für die Besucher gruppiert werden. Die 500 Liter Wasser dienen dem Künstler auch als Spiegelungsfläche für seine Videoprojektionen. Je nach Tageszeit und Lichteinfall ändert sich das gesamte Kunstwerk immer wieder im Auge des Betrachters. Weiterer Platz für die Kunst von Dahlgrün findet sich auf der Empore mit einer Plexiglassäule, in der im Wasser Luftblasen aufsteigen.

Die multimediale Installation in der Christuskirche lässt den Menschen in die Elemente eintauchen und den Geist mit Luft und Wasser erleben. Der Künstler setzt sich bei seinen Tauchgängen immer wieder Extremsituationen aus. Mit seiner Kunst nimmt Dahlgrün den Kirchenbesucher mit in seine besondere Welt, die er als Taucher erlebt. „Mir geht es dabei um die Gegenüberstellung von Oberflächen und Tiefenraum sowie von den verschiedenen Perspektiven von Fisch und Vogel“, sagt Dahlgrün.

Dabei ist die Christuskirche selbst ein außergewöhnlicher Raum. Erbaut wurde das Gotteshaus Ende des 19. Jahrhunderts als neugotische Hallenkirche. Der Turm ist mit 77 Meter der zweithöchste Kirchturm Kölns. Eingeweiht wurde die Christuskirche 1894. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie nahezu vollständig zerstört. Nach Kriegsende wurde unter der Orgelempore eine erste Notkirche errichtet. 1951 entstand eine neue, schlichte Hallenkirche, die für viele Menschen aber weiter wie ein Provisorium wirkte.

Das jetzige ungewöhnliche und absolut sehenswerte Architekturensemble aus historischer Bausubstanz, einem neuen Kirchenschiff, modernen Gemeinderäumen sowie Mietwohnungen und Büroflächen wurde 2016 wiedereröffnet und erhielt ein Jahr später den Architekturpreis der Evangelischen Kirche im Rheinland. Neben dem denkmalgeschützten Turm besteht auch das Basement im Keller noch aus historischer Bausubstanz. Dieses wird unter anderem für Konzerte gerne genutzt. Auch besondere Kunstausstellungen und politische Veranstaltungen finden neben den Gottesdiensten ihren Platz in der Christuskirche.

Ein weiteres Kunstprojekt der Reihe findet sich im Kunstraum Notkirche an der Mülheimer Straße 72 in Essen (11. Mai bis 22. Juni). Dort hat sich die Künstlerin Johanna Reich bei ihrer Installation „Wohin?“mit der Sprache als Medium des Geistes auseinandergesetzt. Die Künstlerin entwickelte einen Algorithmus, der Fragen aus dem Alten und Neuen Testament herausfiltert. Diesen hat sie bei ihrer Installation neuen Raum in der Kirche gegeben.

In der Düsseldorfer Johanneskirche am Martin-Luther-Platz präsentiert der Künstler Aljoscha seine Position „Bioethische Abweichung als Grundprinzip der Paradiesgestaltung“ zum Thema (15. Mai bis 12. Juni). Bei ihm geht es um den Geist als sich selbst organisierender Organismus. Im Kirchenraum hat er ein Gespinst aus 72 Einzelwesen installiert und so eine Verbindung zwischen der puren Vitalität des Lebens und der erhabenen Transparenz des Geistes geschaffen. Es ist eine Installation, die am Boden von der Gemeinde ausgehend in Purpur, der Farbe des Pfingstfestes, erstrahlt und die dann nach oben strebend immer transparenter wird, bis sie in der Apsis vollkommen durchsichtig erscheint.

Weitere Werke gibt es mit der begehbaren Installation „Odem/Ruah“ von Holger Hagedorn in der Trierer Konstantin-Basilika (13. Mai bis 17. Juni) sowie mit den 16 Spiegelobjekten der Installation „Erleuchtung“ von Dorothee Bielfeld in der Johanneskirche Saarbrücken (14. Mai bis 19. Juli).

 

Service: „Free Flow“ von Aurel Dahlgrün ist bis zum 5. Juni in der Kölner Christuskirche am Dorothee-Sölle-Platz zu erleben; Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 14 Uhr, donnerstags, freitags und samstags 14 bis 18 Uhr.