Motown: Herzschlag des jungen Amerikas

Motown : Herzschlag des jungen Amerikas

Beim Gastspiel in der Philharmonie begeistert „The Sound of Classic Motown“ das Publikum.

. Es war eine einzigartige Erfolgsstory in den Vereinigten Staaten, die weltweit zur Musikgeschichte wurde. 1959 gründet der Profiboxer und Fließbandarbeiter bei Ford, Berry Gordy jr., in seiner Heimatstadt Detroit in einer Garage sein eigenes Musiklabel. Der Afro-Amerikaner ist Musikfan und will nicht einsehen, dass das Musikgeschäft eine weiße Domäne ist. Schwarze Musik tut sich bei der weißen Bevölkerung in dieser Zeit oft noch schwer und fristet ein Nischendasein.

Die Künstler bekommen
den letzten Schliff

Gordy fährt durch die Straßen seiner Stadt und hält Ausschau nach jungen, vielversprechenden Musiktalenten. Er will mit ihnen schwarzen Soul für Weiße machen und der Musik zum Durchbruch verhelfen. Und er verhilft den Künstlern zum richtigen Schliff – erklärt ihnen, wie sie auf der Bühne auftreten und in welchem Outfit sie dort erscheinen sollen. Und wenn es sein muss, verordnet Berry Gordy jr. auch schon mal einen Benimmkurs.

Die Talente, die er dabei entdeckt, machen sein Label Motown zur erfolgreichsten Plattenfirma aller Zeiten. Insgesamt 180 Nummer-Eins-Hits bringt der Labelchef und Songwriter Berry Gordy jr. seit den 50er Jahren an den Start. Kein Wunder bei Künstlern wie Diana Ross mit The Supremes, Marvin Gaye, The Four Tops, die Jackson 5, The Temptations und Stevie Wonder. Bezeichnenderweise heißt sein erster Hit „Money – That‘s what I want“ mit Barret Strong.

Diese Geschichte wurde bei der gut zweieinhalbstündigen Show „The Sound of Classic Motown“ am Freitagabend in der Philharmonie eindrucksvoll erzählt. Musikfan und -experte Ron Williams nimmt als Radio-DJ „Dr. Feelgood“ sein Publikum auf eine Zeitreise in die schillernde Welt des Soul mit. Es sind grandiose Hits, die an diesem Abend die Besucher zu hören bekommen – von „Please Mr. Postman“ und „Stop in the Name of Love“ über „I heard it through the Grapevine“ und „My Girl“ bis zu „Superstition“ und „My Guy“. Bei „Dancing in the Street“, einem der Höhepunkte des Abends, holt Williams Leute aus zum Publikum zum Tanzen auf die Bühne, während schon der gesamte Saal steht und tanzt. Bei „25 Miles“ von Edwin Star greift der Moderator, Schauspieler und Kabarettist selbst zum Mikrofon und zeigt, dass er als Musiker durchaus mithalten kann.

Williams findet während der mitreißenden Show auch immer wieder klare Worte, gerade wenn es um Themen wie Rassismus geht. „Motown, das war schwarze Musik gegen Rassismus und das in Zeiten, in denen es Schwarze in der USA sehr schwer hatten“, erklärt er mit Blick auf das Jahr 1969 mit einem US-Präsidenten, der es in Sachen Unbeliebtheit locker mit dem jetzigen Amtsinhaber Donald Trump aufnehmen konnte. Es war ein Jahr der Rassenunruhen in den Staaten, der Hippie-Bewegung und des brutalen Kriegs in Vietnam.

Für Begeisterung bei „The Sound of Classic Motown“, dem Finale des Kölner Sommerfestivals, sorgten vor allem die großartige Liveband und die Sängerinnen und Sänger. Ihnen gelang es, die großen Hits der 50er und 60er Jahre zu präsentieren, ohne aus ihnen kraftlose Coverversionen zu machen. Sie schafften den Spagat zwischen der Authentizität der alten Songs und der eigenen, zeitgemäßen Interpretation. Und sie zeigten, welche zeitlose Kraft die Musik auch noch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung heute hat.

Viele Texte sind in der heutigen Zeit der großen Weltkrisen, der Kriege und der Gewalt in den Straßen vieler Städte noch genauso aktuell wie damals Mitte und Ende der 60er Jahre. Damit wird ein wichtiges Stück Musikgeschichte wieder höchst lebendig.