Glosse

Glosse

Wer heute regelmäßig in der Bahn oder im Bus unterwegs ist, erlebt oft eine besondere und ziemlich eigentümliche Situation. Da sitzen Menschen auf engstem Raum aufeinander — eine Kommunikation findet dabei aber immer seltener statt. Denn jeder hat seine eigene Welt auf dem Display seines Smartphones. Da werden Nachrichten per „Whats App“ im Sekundentakt verschickt, die eigene Musik gehört und wild auf verschiedenen Seiten im Internet gesurft. Nur wenige Fahrgäste sind übriggeblieben, die ohne Hightech in der Hand auskommen. Und die gucken oft ziemlich irritiert durch die Gegend und fühlen sich irgendwie im falschen Zeitalter.

Einen Blick für den Menschen, der nebenan sitzt, ist da bei den Smartphone-Besitzern oft nicht mehr drin. Und gehört, was in der näheren Umgebung gerade passiert, wird meist dank der XXL-Kopfhörer auch nicht mehr. Da befinden sich die Menschen in einer Art selbst gewählter Vollisolation. Und selbst, wenn sie aussteigen und über den Bahnsteig laufen oder die Treppen hinabsteigen, löst sich der starre Blick nur extrem selten vom leuchtenden Display des Smartphones. Da entstehen auch schnell einmal schwer überwindbare Hindernisse auf zwei Beinen - Multitasking, sprich zwei Sachen gleichzeitig zu bewältigen - ist halt nicht jedermanns Sache.

Interessant wird es da, wenn urplötzlich „der Stecker gezogen wird“. So wenn der Akku leer ist oder man schlicht im Funkloch sitzt. Dann wird oft hektisch nach Steckdosen gesucht oder man wandert hektisch hin und her - in der Hoffnung, dass der Empfang auf dem benachbarten Quadratmeter vielleicht etwas besser wird.

Dies erlebt man beispielsweise bei einer Rückreise von Hamburg nach Köln, bei der ein Oberleitungsschaden die Weiterfahrt für Stunden unmöglich macht. Der IC kommt mitten auf der Strecke zum Stehen und viele Reisende im Bistroabteil des komplett überfüllten Zuges am letzten Tag der Herbstferien müssen feststellen, dass sie mitten in einem Funkloch gelandet sind. Das wischt man noch ein paar Mal verzweifelt über das Display, um dann die eigene Machtlosigkeit mitten im digitalen Zeitalter zu konstatieren. Nichts geht mehr und das für gut zwei Stunden mitten in der Natur.

Wohlwollend kann der interessierte und noch altmodisch analog veranlagte Betrachter feststellen, dass sich plötzlich wildfremde Menschen miteinander unterhalten. Da wird vom Urlaub erzählt, von dem man gerade nach Hause zurückkehren will, oder man tauscht sich darüber aus, warum es im Bistro weder gekühlte Getränke noch heißen Kaffee gibt. Auch Erziehungsfragen bei den schon etwas genervten Kindern kommen zur Sprache.

Und bei einer kleinen Gruppe junger Leute ist der Austausch so intensiv, dass am Ende Mobilnummern und Mailadressen ausgetauscht werden. So kann man auch den vergessenen Schal wieder zurückgeben. Man sieht sich also wieder in der gerade neu entdeckten realen Welt.

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