Evangelische Gemeinde: Preis für ein Stadtporträt ohne Stadt

Evangelische Gemeinde: Preis für ein Stadtporträt ohne Stadt

Vier Jungfilmer aus Burscheid haben den 1. Euregionalen Jugendfilmpreis in Aachen gewonnen.

Burscheid. Eigentlich eine rotzfreche Idee: ein Stadtporträt über Burscheid zum Thema "Heimat" aus der Schuhperspektive zu drehen, bei der die Stadt selbst überhaupt nicht zu sehen ist.

Doch manchmal siegt Frechheit eben. Für vier Jugendliche der Jugendfilmwerkstatt der Evangelischen Kirchengemeinde Burscheid wurde ihr pfiffiger Fünfminüter "Rumlaufen in Burscheid" zur Erfolgsgeschichte: Freitagabend erhielt er in Aachen den 1. Euregionalen Jugendfilmpreis in der Kategorie Dokumentation.

Auf den Preis in dieser Kategorie könne man sich besonders viel einbilden, sagte der Aachener Filmkritiker Günter Jekubzik bei seiner Laudatio.

Denn in der siebenköpfigen Jury, der auch Jekubzik selbst angehörte, saßen mit Jeremy Hamers, Tom Meffert und Bernd Mosblech gleich drei preisgekrönte Dokumentarfilmer. Auch standen in dieser Sparte 14eingereichte Beiträge zur Auswahl - so viele wie in keiner anderen der insgesamt vier Kategorien.

"Der Gewinner verzichtet auf Bilder, aber sehr raffiniert und bewusst", lobte Jekubzik im Ludwig-Forum für internationale Kunst die Arbeit von Tanja Reiff (17), ihrem Bruder Marcel (15), Lily Ilga (13) und Julian Berndt (13). "Im Vergleich zu anderen, visuell eher lauten Stadtansichten sieht man nichts von der porträtierten Stadt. Trotzdem macht dieser freche Spaziergang Spaß und tatsächlich bei einem Jurymitglied Lust auf Burscheid."

Dabei war die Burscheider Jugendfilmwerkstatt erst spät auf den Wettbewerbszug aufgesprungen. "Ich hatte zwar von dem Wettbewerb erfahren, war aber zunächst davon ausgegangen, dass er auf die Euregionale im Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien beschränkt sei", erzählt Medienpädagoge Bernd G. Schmitz (54), Leiter der Jugendfilmwerkstatt.

Doch als klar war, dass Einsendungen aus dem gesamten Bundesgebiet möglich sind, legte die Werkstatt im September los. Gleich drei Beiträge unterschiedlicher Jugendgruppen wurden eingereicht. Der Siegerfilm, angeregt durch eine Schuhwerbung, war dabei ursprünglich anders geplant gewesen. In einem ersten Versuch wurde die Kamera an den Fuß geklebt, doch die entstandenen Bilder waren zu unruhig.

Also hatte Regisseurin Tanja Reiff die Idee, die Kamera aus dem Stativ zu ziehen und an der Verbindungsstange auf dem Kopf durch Burscheids Straßen zu tragen. Zu elektronischer Musik folgt man nun über die gesamte Filmlänge den Schuhen von Julian Berndt auf dem Weg durch die Stadt.

Die Computerrecherchen von Lily Ilga schlagen sich in eingeblendeten Informationen über Burscheid nieder - zur Einwohnerzahl zum Beispiel, der Zahl der Autos, dem Kirchenkurvenfestival und berühmten Söhnen der Stadt wie Günter Wallraff.

16 Minuten Filmmaterial mussten schließlich geschnitten werden, eine Arbeit, für die die Geschwister Tanja und Marcel souverän die anspruchsvolle Software Magix einsetzen. "Die Jugendlichen sind da fitter, als ich je in meinem Leben sein werde", sagt Werkstattleiter Schmitz.

Das Preisgeld des Festivals wurde von der Bürgerstiftung der Sparkasse Aachen gestiftet. Vor rund 200 Gästen überreichte Vorstandsmitglied Christian W. Roter Freitagabend den Burscheider Jungfilmern 500Euro. Das Geld soll in neue Projekte der Jugendfilmwerkstatt fließen.

Der Festakt war wie eine Oscar-Verleihung gestaltet: mit Trailern über die Nominierten und einem Umschlag, der erst auf der Bühne geöffnet wurde. Dass NRW-Integrationsminister Armin Laschet dann doch nicht wie angekündigt als Festredner kam, war da eine schnell verschmerzte Enttäuschung.

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