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Schmidt: „Einzelhandel in kritischer Phase“

Schmidt : „Einzelhandel in kritischer Phase“

Stadtmarketing-Chef Helmut Schmidt spricht im Interview über die Folgen der Corona-Krise für den Einzelhandel.

Wie erleben Sie Köln in Zeiten der Corona-Krise?

Helmut Schmidt: Es wird in Köln auf den Plätzen und Straßen ruhiger. Die Leute nehmen die Situation an und halten vor und in den Apotheken und den Lebensmittelgeschäften entsprechend Abstand voneinander. Die Ausnahmen sind hier mittlerweile nur noch gering. Auffällig ist, dass immer noch sehr viele ältere Menschen trotz der Angebote zur Nachbarschaftshilfe zum Einkaufen rausgehen. Junge sieht man eher selten.

Welche Folgen hat die Krise für den Einzelhandel in Köln?

Schmidt: Das sehe ich aktuell sehr kritisch. Die Lebensmittelhändler und Apotheken haben zwar noch auf und auch die Logistik funktioniert besser, die Regale füllen sich wieder, aber der Einzelhandel insgesamt befindet sich in einer sehr kritischen Phase. Gerade die kleinen Einzelhändler in den Veedeln verfügen oft nicht über große Rücklagen, um diese Entwicklung kurz- und mittelfristig zu überleben.

Wie wichtig ist jetzt die Solidarität der Kunden?

Schmidt: Die Solidarität der Kunden zu ihren lokalen Händlern oder Gastronomen ist ganz zentral. Wir haben gerade einen Aufruf gestartet, in dem wir dazu appellieren, dass man an die Heimat und die Stadt denkt und dass man jetzt im Internet auch bei den Händlern vor Ort bestellt, anstatt auf den großen Plattformen. Da geht es darum, dass das Leben in der Stadt auch nach der Krise aufrechterhalten werden kann. Die großen Händler in der Innenstadt wie Kaufhof, Karstadt, WMF oder P&C sind gut im Internet vertreten. Das gilt auch für die Kosmetik- und die Buchbranche. Bei manch kleinem Einzelhändler im Veedel ist die Internetpräsenz dagegen noch nicht optimal. Jedem muss jetzt klar sein, wenn er sich dem Internet verschließt, kann er nicht überleben.

Was droht durch die Krise und was kann dem Einzelhandel nachhaltig helfen?

Schmidt: Mittelfristig problematisch ist, dass sich die Leute an das bequeme Bestellen von zu Hause per Internet gewöhnen. Das bedeutet für den Handel vor Ort, wenn da nicht noch etwas passiert, ist das eine sehr schwierige Situation. Wir haben schon vor der Krise die Leerstände auf der Hohen Straße und der Schildergasse gesehen. Das könnte sich jetzt verschärfen. Denn wir könnten gerade viele kleine und mittlere Händler durch die Krise verlieren, wenn keine schnelle Unterstützung von Bund, Land und den Kommunen kommt. Es geht darum, jetzt die Lücke bei der Liquidität zu schließen. Kredite helfen da nicht weiter, da diese von den Händlern nicht zurückgezahlt werden können. Da braucht es andere Konzepte bei der Unterstützung. Wir sehen, dass der Wille zur Unterstützung durchaus jetzt vorhanden ist, woran es mangelt, ist die praktische Umsetzung. Bei unseren Mitgliedern herrscht eine gewisse Unruhe, auch weil man die Ansprechpartner für die schnelle Hilfe nicht kennt. Bislang kann man nicht einfach zur Bank gehen und bekommt dort das zugesagte Geld. Das wird wohl leider noch einige Zeit dauern, bis die Hilfe wirklich ankommt. Da muss jetzt schnell eine neue Kultur der Hilfe entstehen, auch im Verhältnis von Mietern und Vermietern.

Wie wird sich Köln durch Corona verändern?

Schmidt: Die Stadt wird sich verändern, das gilt vor allem für das Miteinander und die Solidargemeinschaft. Es bedarf jetzt den Schulterschluss, der emotional alles zum Positiven hin verändert. Die Stadt wird nach der Krise nicht mehr so sein wie davor. Ellenbogen müssen verschwinden, dafür ist Solidarität angesagt.

Wie gehen Sie ganz privat mit der Bedrohungslage derzeit um?

Schmidt: Man fängt an, anders zu denken und alte Gewohnheiten wie zum Beispiel ein Spieleabend werden wieder hervorgeholt. Ich lese sehr viel und auch ein Spaziergang gehört dazu, denn die Ärzte raten zur frischen Luft. Ansonsten habe ich gerade bei Stadtmarketing sehr viel zu tun. Wir müssen jetzt unseren Mitgliedern mit Tat und Rat zur Seite stehen.