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Kultur: „Die Begegnung vor Ort wird weiter unser Kerngeschäft bleiben“

Kultur : „Die Begegnung vor Ort wird weiter unser Kerngeschäft bleiben“

Wie erleben Sie gerade die Situation?

Dr. Moritz Woelk: Die Situation aktuell macht wieder Hoffnung. Insbesondere der erste Lockdown hat uns heftig getroffen. Unsere „Meister Arnt“-Ausstellung mit vielen internationalen Leihgaben war damals gerade im Aufbau und sollte am 1. April 2020 eröffnet werden. Daraus wurde nichts, die Museen wurden geschlossen und aus dem Kulturquartier wurde ein Infektionsschutzzentrum. Das gesamte Foyer war großräumig abgesperrt und das Bild dort wurde von Menschen in Schutzanzügen geprägt. Dann kam der Sommer und wir konnten unsere Sonderausstellung doch noch von Anfang Juli bis Ende September zeigen. Eine Ausstellung in dieser Dimension ist bei uns nur alle paar Jahre möglich, darauf hatten wir sehr lange hingearbeitet. Sie wäre wegen der Leihgaben nicht wiederholbar oder weiter verlängerbar gewesen. 

Wie haben Sie auf die Schließung beim ersten und zweiten Lockdown reagiert?

Woelk: Wir haben viele neue und digitale Angebote entwickelt, die wir schon nach kurzer Vorbereitungszeit an den Start bringen konnten. Dabei haben wir uns auf unser Herzstück, die ständige Sammlung konzentriert, die so ganz einmalig ist. Auch in regulären Zeiten präsentieren wir diese immer wieder neu und ergänzen den Bestand durch spannende Neuerwerbungen. Außerdem verändern wir immer wieder die Konstellation der Objekte und setzen diese in neue Beziehungen zueinander. Dazu kommt das neue Handbuch, das einen weiteren Zugang zur Sammlung bietet. Es ist in einer allgemein verständlichen Form gehalten, bildet aber gleichzeitig den neuesten Stand der Forschung ab. 

Dazu kommt jetzt der digitale Zugang zur Sammlung.

Woelk: Binnen von drei Wochen haben wir einen 360-Grad-Rundgang durch die Sammlung auf die Beine gestellt. Man kann sich dabei nicht nur im Haus umschauen, sondern bekommt per Click auch noch vertiefende Informationen zu einzelnen Objekten. Positive Erfahrungen haben wir mit den Online-Führungen gemacht, die wir auch nach Corona noch weiter anbieten werden. Dazu kommen Veranstaltungen, die als Zoomkonferenz ebenfalls live ins Netz gestellt werden. So erreichen wir Menschen, die weiter weg leben oder die nicht mehr so mobil sind, dass sie ins Museum kommen können. Die Begegnung vor Ort wird aber weiter unser Kerngeschäft bleiben. 

Wie gestaltet sich so eine Online-Führung?

Woelk: Es ist eine Führung, die auf der Basis unseres 360-Grad-Rundgangs möglich ist. Zwei Personen führen dabei live durchs Haus und erzählen etwas zu den Objekten, die besucht werden. Per Chat können die Teilnehmer auch Fragen stellen. So treffen Menschen live auf andere Menschen und treten in einen Dialog. Das macht die Sache spannend. 

Wie sind die Aussichten für das laufende Jahr?

Woelk: Wir hoffen, dass es keine vierte Welle geben wird und dass wir durch das Impfen die Pandemie in den Griff bekommen. Für den Herbst haben wir eine Sonderausstellung unter dem Titel „Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen“ geplant. Eine andere Installation „Gipskartonfeuerschutz“ von Franka Hörnschemeyer haben wir auf das kommende Jahr verschoben. Wir gehen davon aus, dass die Menschen, die jetzt endlich wieder ins Museum können, den Fokus auf die großen Sonderausstellungen legen werden. Ich war selbst schon bei Warhol im Ludwig und bei Caspar David Friedrich in Düsseldorf. 

Wie haben die Besucher jetzt nach der Wiedereröffnung reagiert?

Woelk: Die Menschen sind noch eher zurückhaltend und vorsichtig. Dabei ist es leichter geworden, ins Museum zu gehen, die Test- und Reservierungspflicht ist weggefallen. Man muss nur noch seine Kontaktdaten abgeben, eine Maske tragen und auf die Abstände achten, was in unserem weitläufigen Museum einfach ist. Trotzdem sind die Besucherzahlen in unserer Sammlung aktuell noch eher überschaubar. 

Wie haben Sie die Zeit im Lockdown genutzt?

Woelk: Gerade bei uns in der Museumsverwaltung gibt es immer etwas zu tun, da wir das Programm für die kommenden Jahre vorbereiten müssen. Wir planen Ende 2022 eine große Sonderschau zum Thema „Bergkristall“ im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Die wollen wir aus der eigenen Sammlung heraus gestalten und mit einem wissenschaftlich fundierten Katalog begleiten. Im September gibt es eine „Summerschool“ dazu, die wir gemeinsam mit den Universitäten in Köln, Düsseldorf und Bochum gestalten. Internationale Studenten und Studenten aus der Region kommen zum Thema „Bergkristall“ in der Universität, in Kirchen und bei uns im Museum zusammen. Im Anschluss daran ist hier im Haus eine Fachtagung geplant, bei der es um den neuesten Stand der Forschung zum Thema geht. Die Beiträge sind dann die Basis für den Ausstellungskatalog. 

Was ist weiter geplant?

Woelk: Im März werden wir eine Schau zu Harald Naegeli in Köln präsentieren. Der Sprayer von Zürich hatte 1980 mehrere 100 Kunstwerke im Stadtraum hinterlassen. Fast alle sind heute verschwunden, nur bei uns gibt es noch den „Totentanz“ an der Wand. Nach der Auflösung seines Ateliers in Düsseldorf hat Naegeli verschiedene Museen mit seinen Zeichnungen beschenkt. Diese werden wir zusammen mit Fotoaufnahmen der Werke im Jahr 1980 zeigen 

Welche Bedeutung hat das Museum Schnütgen in der reichen Kölner Kulturlandschaft?

Woelk: Köln ist die einzige deutsche Großstadt, die von der Antike bis zur Gegenwart eine Kunstmetropole war. Die Blütezeit war das Mittelalter, was man eindrucksvoll an den vielen mittelalterlichen romanischen und gotischen Kirchen sehen kann. Ein Museum zur mittelalterlichen Kunst spiegelt so einen wesentlichen Teil der Stadtgeschichte wider. Wir sind das einzige deutsche Spezialmuseum zu diesem Thema, auch wenn es in anderen Häusern große Teilbereiche zum Mittelalter gibt. Außerdem war das Schnütgen das erste Museum, das in Köln nach dem Krieg wieder öffnen konnte. 

Das Schnütgen hat sein Herzstück in der romanischen Kirche St. Cäcilien.

Woelk: Das macht unser Haus zu etwas ganz Besonderen und prägt unsere Identität. Das Museum steht zwischen der profanen städtischen Welt und der katholischen Kirche – zwischen der Innenperspektive und dem Blick von außen. Gestiftet wurde es vom Domherrn Alexander Schnütgen. Heute ist es ein städtisches Museum und trotzdem ist St. Cäcilien noch eine geweihte Kirche, in der an Feiertagen Messen gehalten werden. 

Welche Tipps zur Kunst im Mittelalter in Köln haben Sie für unsere Leser jenseits Ihres Museums?

Woelk: Die Romanischen Kirchen in Köln sind baugeschichtlich sehr interessant. Dazu zählt auf jeden Fall St. Maria im Kapitol, eine wunderschöne Kirche, die mitten in der Wohnbebauung der 50er Jahre steckt. Auch St. Ursula und St. Kunibert sind immer einen Besuch wert. Spannend ist, dass die meisten dieser Kirchen nicht mehr wie zum Beispiel in Frankreich komplett unangetastet sind. Viele wurden im Krieg zerstört und dann in einer historischen Interpretation wieder aufgebaut. So sind diese Kirchen auch Zeugen von Verletzungen, die Köln erlitten hat, und sie zeigen, wie aus solchen Wunden wieder Neues entstanden ist. Das ist ein spannender Aspekt der Stadtgeschichte.