Der neue Herr vom Bökershammer

Der neue Herr vom Bökershammer

Jörg Kiel hat das Anwesen im Eifgental gekauft und will es dosiert zugänglich machen.

Burscheid. Von der Laube schweift der Blick über die geschwungene Parklandschaft hinunter zur Teichanlage. „Das ist der Hollywood-Ausblick“, sagt Jörg Kiel. Ein Ausblick, den er jetzt täglich genießen kann. Am vergangenen Wochenende ist der 48-Jährige mit seiner Frau Marion von Leichlingen hier hinunter ins Eifgental gezogen — auf dieses Anwesen mit seinem geschichtsträchtigen Namen: Bökershammer.

80 000 Quadratmeter inmitten des Naturschutzgebietes nennt Kiel jetzt sein Eigen, davon 50 000 Quadratmeter im unmittelbaren Umfeld des stattlichen Wohnhauses. Viel Platz für zwei Personen. So viel Platz, dass die beiden ihn zumindest ab und an mit anderen teilen möchten. „Wir wollen uns nicht einschließen“, sagt der gebürtige Wermelskirchener. „Zweimal im Jahr eine schöne Veranstaltung“ kann er sich vorstellen, vielleicht eine Ehrung, vielleicht eine Lesung oder ein Konzert. „Schließlich ist das hier ein schönes Stück Burscheid.“

Ein schönes Stück Burscheid, angefüllt mit Geschichte. Mit dem alten Hammerwerk befand sich hier einst die älteste Industrieanlage der Stadt (siehe Kasten). Seit zehn Jahren stehen die Überreste entlang dem Eifgenbach unter Bodendenkmalschutz. Das Anwesen gehörte über Jahrzehnte dem früheren Bürgermeister Willi Wirths, das Wohnhaus in seiner heutigen Form entstand 1997. Seither wird es über Leitungen vom Hammerweg mit Gas, Wasser, Strom und Telefon versorgt.

Von Sträßchen führt ein zweieinhalb Kilometer langer Forstweg hierhin, ausgewaschen und voller Löcher, derzeit nur mit geländetauglichen Wagen befahrbar. Der Briefkasten steht oben an der B 51, eine Hausnummer gibt es nicht, weswegen Kiel jetzt im Personalausweis „Bökershammer 0“ stehen hat. Den Müll aus dem Tal muss er selbst entsorgen. Was hat ihn und seine Frau nur dazu bewogen, sich diesen idyllischen, aber auch entlegenen Flecken Erde zu kaufen?

„Am Ende des Tages die Einmaligkeit“, entgegnet Kiel. Ganz profan im Internet waren die beiden auf das Verkaufsangebot gestoßen, bei der Suche nach einem Haus „mit mehr Grundstück“. Seit Juli 2012 gehört der Bökershammer nun ihnen — und nach einigen Umbauten und Renovierungen leben sie jetzt auch hier. Im Dachstuhl will Kiel noch ein privates bergisches Museum entstehen lassen, ausgestattet mit Sammelstücken seiner Mutter.

Dass sich der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik und Betriebswirtschaft das alles leisten kann und auch die Zeit hat, sich darum zu kümmern, führt zu einer anderen Geschichte. Sie erzählt von einem Leben auf gesundheitlichen Kredit, von wirtschaftlichem Risiko und entsprechendem Gewinn. Und von der bewussten Entscheidung zum Kürzertreten.

Nach dem Abitur in Wermelskirchen geht Kiel für zwölf Jahre zur Bundeswehr, schlägt die Offizierslaufbahn ein und studiert an der Bundeswehrhochschule in Hamburg. Dort lernt er auch seine spätere Frau kennen.

Nach dem Ausscheiden bei der Bundeswehr steigt Kiel in das Telekommunikationsgeschäft ein, befasst sich viel mit Mobilfunk. 2001 trägt ihm sein Arbeitgeber Eon die technische Geschäftsführung eines insolventen Unternehmens in Halle an der Saale an, Hersteller von Software für Entsorgungsfirmen. Kiel sagt zu — und kauft den Betrieb zwei Jahre später, als es Eon mit der Sanierung nicht schnell genug geht.

Über eine Partnerschaft mit dem Software-Giganten SAP bringt Kiel seinen Betrieb mit dem Kunstnamen „Prologa“ wieder nach oben, mit Glück und sehr viel Arbeit bis in den hochprofitablen Bereich. Das ist die Erfolgsseite. Der Preis: 180 Hotelübernachtungen pro Jahr und fünf Jahre lang jeden Monat eine Woche in Texas beim weltgrößten Entsorger zur Kundenbetreuung. „Aber Gesundheit kann man nicht kaufen.“

Also ist Kiel seinem Körper zuvorgekommen und hat sich zum Kürzertreten entschlossen, zum Leben als „graue Eminenz“. Zwei Stunden täglich telefoniert er noch wegen seiner Firma. Daneben betreibt er eine Wohnungsverwaltung. Denn trotz aller Idylle am Bökershammer: „Rasenmähen und Gänsefüttern ist nicht das, was mich intellektuell herausfordert.“

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