Birgit Münchow hat ein Buch über ihre Depression geschrieben: Der lange Weg aus der Dunkelheit

Birgit Münchow hat ein Buch über ihre Depression geschrieben : Der lange Weg aus der Dunkelheit

Birgit Münchow litt unter Depressionen. Über ihre Genesung hat sie nun ein Buch geschrieben.

Hohe Bäume säumen hinter dem Holzhaus den kleinen Garten, der in Richtung Dhünntalsperre abwärts fällt, durch die Äste fällt Sonnenlicht. Vogelgezwitscher ist zu hören. Auf ihrem Lieblingssessel auf der Terrasse sitzt Birgit Münchow. Erst seit einigen Monaten lebt die 42-Jährige hier, davor wohnte sie zwei Jahrzehnte in Burscheid. Sie strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus, wirkt angekommen im Hier und Jetzt und mit sich im Reinen. „Hier ist das Paradies. Ich fühle mich wie in einer Traumwelt.“ Sie stutzt kurz, lächelt: „In einer realen Traumwelt. Ich bin sehr dankbar.“

Das war nicht immer so. „Ich war am Abgrund“, sagt die 42-Jährige. „Tiefer ging´s nicht.“ Birgit Münchow litt unter Depressionen. Die kamen wie aus dem Nichts, als sie 19 Jahre jung war. Dabei schien alles damals optimal zu sein: Münchow hatte einen sicheren, unbefristeten Job als Justizangestellte, wollte heiraten. „Eine grundlose Traurigkeit überfiel mich“, erinnert sie sich. „Eine unerklärliche Antriebslosigkeit.“

Kompromisslosigkeit half
ihr bei der Genesung

Doch zunächst funktionierte sie, ließ sich nicht krankschreiben. „Es war für mich unvorstellbar, an meinem Arbeitsplatz zu fehlen“, sagt sie. Sie heiratete – und erlebte alles wie in Trance. „In mir hatte sich mehr als nur Unglück ausgebreitet“: So beschreibt sie es in „Scheiße, ich lebe noch“, das sie nun veröffentlicht hat. „Es war an der Zeit“, sagt Münchow einfach. Ein halbes Jahr schrieb sie, setzte sich ganz nach Gefühl an ihren Schreibtisch, um sich wieder daran zu erinnern, was sie erlebt und erfahren hat. Das Feedback ist groß. „Viele erkennen sich in meinen Beschreibungen wieder. Dann hat das Buch seinen Sinn erfüllt.“

Keine Kompromisse ist sie dabei eingegangen. Birgit Münchow hat ihr Buch im Eigenverlag herausgegeben. „Ich wollte nicht, dass auch nur ein Satz gestrichen wird. Es ist sicher nicht perfekt; aber ich war sicher, dass es so sein muss, wie es nun ist.“

Dieselbe Kompromisslosigkeit half ihr bei ihrer Genesung. Doch zunächst herrschte Ratlosigkeit. „Alle meine Blutwerte waren in Ordnung. Die Ärzte hatten keine Erklärung für mein schlechtes Befinden.“ Eindringliche Worte findet Münchow in ihrem Buch dafür: Sie schreibt von „reinster Seelenqual“, vom morgendlichen Würgen am Waschbecken und von lähmender Angst, von den Schüben aus Normalität und Dunkelheit. „Die Welt, in der ich mich befand, war schwarz und dunkel. Sie war der Inbegriff von Abgrund, Elend und Finsternis.“ Kurz wurde es hell: Münchow bekam mit 21 eine Tochter. Ein Kind, das sie sofort innig liebte, bis die Dunkelheit wieder zuschlug. „Ich hatte mit mir selbst genug zu tun. Der Alltag war unvorstellbar schrecklich.“

Bis 2010 ging das so. Dann entdeckte Birgit Münchow den Orientalischen Tanz. Ein erster Befreiungsschlag. „Dabei habe ich Selbstbewusstsein und ein gutes Körpergefühl entwickelt.“ Sie wurde aufmerksamer, lauschte in sich hinein: Was tut gut, auch beim Essen? Sie stellte ihre Ernährung um, isst heute ausschließlich vegan. „Das ist meine Basis.“ Natürlich gebe es noch immer Momente im Leben, die sie bearbeiten müsse: „Aber ich sträube mich nicht mehr dagegen, ich nehme es an.“ Es gebe eben Dinge, die ans Tageslicht wollten.

Inzwischen sind zu der nun 20-jährigen Tochter ein weiteres Mädchen (14) und ein Sohn (5) dazugekommen. „Ich bin dankbar, das ich so eine tiefe und liebevolle Verbindung zu meinen Kindern habe“, sagt Münchow. Weitere Schritte folgten: Die gebürtige Ostfriesin fand in Dabringhausen vor eineinalb Jahren ihr „Paradies“. Sie hat, wie sie selbst sagt, die „Komfortzone“ verlassen, hat ihren Job gekündigt und sich als Ernährungsberaterin und einem weiteren Standbein in der Naturkosmetik selbstständig gemacht. Vorbei die Zeiten der Antriebslosigkeit. „Ich möchte jeden Morgen aufstehen und die Welt verändern. Ich empfinde Dankbarkeit und Freude.“

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