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Kultur: „Das größte Problem für unser Orchester ist die Distanz“

Kultur : „Das größte Problem für unser Orchester ist die Distanz“

Wie haben Sie die Situation im Lockdown erlebt?

François-Xavier Roth: Auch wenn Konzerte mit Publikum im Lockdown nicht erlaubt waren, haben wir mit dem Orchester doch sehr intensiv gearbeitet. Es gab viele Aufnahmen, Streaming-Konzerte und darüber hinaus Workshops, für die wir neben dem normalen Spielbetrieb keine Zeit gehabt hätten. Es gab auch spezielle digitale Angebote für bestimmte Zielgruppen wie Kinder oder ältere Menschen. Jetzt sind wir aber wieder sehr glücklich, dass wir wieder unser Publikum bei den Konzerten willkommen heißen können. 

Wie reagiert das Publikum darauf?

Roth: Wir haben eine lange und strenge Zeit des Lockdowns erlebt. Da kommen viele noch nicht so spontan in den Konzertsaal. Das Publikum ist einerseits sehr an den Konzerten interessiert, die man lange nicht besuchen konnte. Aber es gibt auch noch eine Angst bei den Menschen, die sie sehr vorsichtig macht. Insgesamt wird die Motivation, ins Konzert zu gehen, aber wieder zunehmen. Das Publikum kommt zurück, auch weil es sieht, dass ein Konzertsaal ein sehr sicherer Ort ist. 

Wie war die Arbeit im Orchester unter den Corona-Regeln?

Roth: Die Arbeit war und ist schwer – die Hygieneregeln gelten noch immer für uns. Das größte Problem ist für ein Orchester, dass die Mitglieder beim Musizieren Distanz halten müssen. Gerade bei den Bläsern gibt es sehr strenge Regeln. Das ist für Musiker, die sonst die Nähe zu schätzen wissen, eine schwierige Situation, da sie so das, was der andere spielt, nicht mehr so gut hören können. Der Klang des gesamten Orchesters ändert sich auch. Aber daraus kann etwas Neues und Interessantes entstehen. 

Wie kann ein Orchester in der aktuellen Situation noch planen?

Roth: In der klassischen Musik wird normalerweise schon auf viele Jahre im Voraus geplant. Ich weiß genau, wo und wann ich 2024 dirigieren werde. In der Krise mussten wir jetzt lernen, spontan zu sein. Das finde ich nicht schlimm, weil wir auch durchaus schneller agieren können. Allerdings hoffe ich, dass wir in der neuen Spielzeit 2021/22 wieder normal arbeiten können und dass wir wieder mit 100 Musikern und dem entsprechenden Repertoire auf der Bühne spielen können. Das Risiko ist aber weiter da, sodass wir immer einen Plan B im Kopf haben.

Wie waren die Streaming-Konzerte ganz ohne Publikum?

Roth: Das war schon fast eine tragische Situation, wenn der Applaus und andere Geräusche komplett fehlen. Für die Musiker im Orchester ist die Situation noch problematischer, weil sie normalerweise den direkten Sichtkontakt zum Publikum haben. Das wurde sehr vermisst. Ich selbst stehe als Dirigent mit dem Rücken zum Publikum und fühle es in meinem Rücken. Da hat schon etwas gefehlt. 

Wie wird die Pandemie die Kultur verändern?

Roth: In der Welt gibt es viele Musiker, die ihren Beruf wegen der Pandemie und ihren Folgen nicht mehr ausüben können. Das ist zum Beispiel in Ländern wie den USA oder Großbritannien der Fall. In Deutschland und Frankreich haben wir mehr Glück gehabt, da gab es Unterstützung vom Staat. Das ist aber nicht selbst verständlich. In den kommenden Jahren müssen wir zeigen, wie wichtig unsere Arbeit als Musiker für die Menschen und die gesamte Gesellschaft ist, sonst könnte die Stimmung auch gegen uns als Kulturschaffende umschlagen. 

Was macht das Gürzenich-Orchester einzigartig?

Roth: Das Gürzenich-Orchester ist eines der ältesten deutschen Orchester. Es kann besondere Charakteristiken in seinem Klang und in seinem Repertoire vorweisen. Berühmte Komponisten wie Brahms, Strauss, Mahler und Zimmermann haben Stücke für uns geschaffen und zum Orchester einen engen Kontakt gehalten. Wir haben zudem eine enge Verbundenheit mit den großen rheinischen Komponisten wie Schumann oder Beethoven.

Was sind für Sie die Höhepunkte der kommenden Spielzeit?

Roth: Ein Höhepunkt ist für mich, dass wir dann wieder mit der großen Besetzung spielen können. Das zeigt auch unser Programmschwerpunkt zu Richard Strauss. „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ und „Don Quixote“ wurden in Köln uraufgeführt. Sein Werk ist eine der tragenden Säulen in unserem Repertoire. In der kommenden Spielzeit wird es fünf Sinfoniekonzerte mit seinen Werken geben. Zentral ist auch das Stück „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann, mit dem wir neben Köln auch in Hamburg und Paris gastieren werden. Dazu kommt ein Bruckner-Zyklus und spannende Gastdirigenten wie Pablo Heras-Casado und Elim Chan. Außerdem freuen wir uns auf unseren Residenzkünstler, den französischen Cellisten Jean-Guihen Queyras. 

An der Kölner Oper gibt es für Sie auch einige Höhepunkte.

Roth: Das ist zum einen „Béatrice et Bénédict“ von Berlioz, ein Komponist, der mir sehr am Herzen liegt. Dazu kommt „Hänsel und Gretel“ mit der fantastischen Regisseurin Béatrice Lachaussée und einer ganz besonderen Inszenierung, auf die ich mich sehr freue. 

Wie gefällt Ihnen Ihre Wahlheimat Köln?

Roth: Ich bin 2015 nach Köln gekommen und fühle mich inzwischen auch als Kölner. Die Art und Weise, wie die Menschen in dieser Stadt zusammenleben, berührt mich als Pariser sehr. Die Situation jetzt in der Krise war für die Kölner besonders schwierig, weil den Menschen die Nähe und die Geselligkeit sehr gefehlt hat. Sie ist charakteristisch für Köln. Ich fühle mich hier sehr wohl und liebe diese Stadt.