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Darum gehen wir am Sonntag zur Wahl

Darum gehen wir am Sonntag zur Wahl

Grete Sonntag (97) wählt seit 1932, Sandra Saidowski (19) zum ersten Mal. Beide erklären, weshalb sie ihre Stimme abgeben.

Burscheid. Als Grete Sonntag zum ersten Mal an einer landesweiten Wahl teilgenommen hat, gab es die Bundesrepublik Deutschland noch nicht. Am 6. November 1932 war das, knapp einen Monat nach ihrem 21.Geburtstag.

Ein Datum, das Geschichte gemacht hat, waren es doch die letzten freien Reichstagswahlen vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und dem Beginn der zwölf Jahre dauernden NS-Diktatur, die Deutschland in den zweiten Weltkrieg stürzte.

Wenn Grete Sonntag morgen wieder ihren Stimmzettel in die Wahlurne wirft, ist die Ausgangslage weit weniger dramatisch. Ob Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier als Sieger hervorgehen - die Welt aus den Angeln hebt diese Entscheidung wahrscheinlich nicht.

Dennoch ist es für die 97-jährige Burscheiderin keine Frage, dass sie ihre zwei Kreuzchen auf dem Wahlzettel macht: "Wenn ich zu dem Land stehe, in dem ich lebe, gehe ich auch wählen." Worte, die mit Bedacht gewählt sind. Denn Grete Sonntag hat es wahrlich schon anders erlebt. "Es ist ein Glücksfall, wenn das Volk mitbestimmen kann, wer regiert." Sie gebe ihre Stimme ab, "damit etwas wie Hitler nicht mehr passiert."

An jeder der 16Bundestagswahlen hat Grete Sonntag bisher teilgenommen und zum Teil noch sehr lebhafte Erinnerungen an die Verhältnisse der jeweiligen Zeit. "Wir sind immer mit der ganzen Familie wählen gegangen. Mein Vater hat uns vor dem Eintritt ins Wahllokal stets ermahnt: ,Nun überlegt gut, was ihr macht’."

Das hat Sandra Saidowski schon lange getan. Die 19-Jährige macht morgen zum ersten Mal von ihrem Wahlrecht zur Bundestagswahl Gebrauch. Direkt nach der Kirche wird sie mit ihren Eltern ins Wahllokal gehen. Sie ist davon überzeugt, dass ihr Votum wichtig ist.

"Ich kann die Geschehnisse mit meiner Wahl direkt beeinflussen", sagt die stellvertretende Gruppenleiterin der Burscheider DLRG-Ortsgruppe, die seit vier Jahren auch Mitglied eines Jugendparlaments ist. Politikverdrossenheit ist ihr fremd. Schon in der Familie werde "bei fast jeder Mahlzeit" über Politik diskutiert.

Im nächsten Monat will Sandra Saidowski in Duisburg ihr Studium aufnehmen. Natürlich ist auch sie nicht mit allem in der Politik zufrieden, vor allem die Wahlversprechen stoßen ihr auf: "Ich denke, dass vorher viel geheuchelt wird und es hinterher meistens anders kommt." Ihr komme es auf Themen wie Klimaschutz oder Begrenzung der Managergehälter an, weniger auf Personen.

Einen Charismatiker wie Obama vermisst sie daher hierzulande nicht, "den brauchen die Amerikaner mit ihrem desolaten Gesundheitssystem viel dringender als wir." Die Deutschen seien mit ihrem politischen System alles in allem gut gefahren.

Davon ist auch Grete Sonntag überzeugt. Vor allem mit den acht Bundeskanzlern habe die Republik bisher Glück gehabt. Zwei davon sind ihr besonders in Erinnerung geblieben: Konrad Adenauer (CDU) und Helmut Schmidt (SPD). "Adenauer war ein Fuchs. Der wurde mit den Amerikanern fertig. Und der Helmut Schmidt war sehr gut, der hatte Wissen."

Wen sie morgen wählt, weiß Grete Sonntag schon länger. Verraten will sie es freilich nicht, nur so viel: "Merkel und Steinmeier können ruhig wieder dran kommen. Die haben bewiesen, dass sie es zusammen gut machen."