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Karneval: Corona: Alaaf ganz ohne Singen, Tanzen, Schunkeln und Bützen

Karneval : Corona: Alaaf ganz ohne Singen, Tanzen, Schunkeln und Bützen

Ganz alleine schreitet der Karnevalsprinz der Altstädter im Januar durch das große Foyer des Gürzenichs. Der präsentiert sich nicht nur ohne Menschen, sondern auch ganz ohne die sonst übliche üppige Dekoration – nur die blanken Mauern sind am Treppenaufgang zum Saal zu sehen.

Es ist ein bezeichnendes Bild einer außergewöhnlichen Karnevalssession mitten in der Corona-Pandemie. Eine Session, die ohne das sonst übliche gemeinsame Singen, Tanzen und Schunkeln auskommen mussten. Menschen in den Arm zu nehmen oder gar zu bützen, war durch die allgegenwärtige Gefahr des Virus ausgeschlossen.

Und trotzdem gab es Menschen, die den kölschen Fastelovend am Leben gehalten haben. Dazu gehört das Dreigestirn mit seiner Equipe genauso wie das Kinderdreigestirn, die beide Menschen zum Beispiels in den Altersheimen etwas Freude in einer tristen Zeit bringen konnten. Es waren andere Besuche, als dies sonst üblich ist. Anstatt im Saal wurde auch schon mal von der Straße oder vom Garten aus die Grüße der Narrenherrscher überbracht.

Auch der sonst so quirlige Kölner Straßenkarneval fand unter den besonderen Bedingungen statt. Hier gab es statt des Rosenmontagszochs mit tausenden Teilnehmern und Millionen an der Strecke einen Puppenzug des Hänneschen-Theaters, der wohl unvergessen bleiben wird. Auf den Straßen waren es einzelne Kostümierte oder Mitglieder der Traditionskorps in Uniform, die in der Stadt unterwegs waren. Natürlich alleine oder in sehr kleinen Gruppen – natürlich stets auf den notwendigen Abstand bedacht und im Zweifelsfall regelkonform auch mit Maske.

Zusammen mit drei Kölner Fotografen – Costa Belibasakis, Constantin Ehrchen und Joachim Rieger – begab sich das Kölnische Stadtmuseum ganz nah an die Orte und Akteure des Karnevals 2020/2021. Entstanden sind ausdrucksstarke Fotografien und Reportagen, die die Schattenseiten des Pandemiekarnevals dokumentieren. Sie zeigen die verwaisten Hotspots des Karnevals, fangen aber neben der Melancholie auch die Momente der spontanen Freude ein – und die Entschlossenheit der Kölner, sich ihren Fastelovend nicht nehmen zu lassen.

Dabei sind die Einschnitte für diese lebendige Tradition wirtschaftlich, inhaltlich und organisatorisch tiefgreifend wie nur wenige andere Ereignisse seit 1823: Noch nie in seiner fast 200-jährigen Geschichte musste der Kölner Karneval vor einer Krankheit, einer Pandemie, zurückweichen. Und trotzdem haben die Aktiven gezeigt, wie man unter besonderen Bedingung dieses Brauchtum aufrechterhalten kann.

Passend zum Pandemiegeschehen während der Session findet die Sonderausstellung „Alaaf auf Abstand. Bilder einer anderen Session“ nicht im Museum, sondern online und im öffentlichen Raum statt. Eine Online-Kollektion auf der Webseite präsentiert knapp 40 Bilder, eingebaut in 360-Grad-Aufnahmen der Entstehungsorte. Eine interaktive Karte verbindet diese zu einer abwechslungsreichen kölschen Schnitzeljagd und ist Grundlage für spannende Aktionen im Stadtraum.

Grußbotschaften der Kölner Karnevalskünstler in den Sozialen Medien begleiten die Ausstellung. Diese nur „online und draußen“ angebotene Schau fällt in die aktuelle Um- und Aufbruchsphase des Kölnischen Stadtmuseums. Im Lauf des Jahres verlässt das Museum die renovierungsbedürftigen Gebäude in der Zeughausstraße und zieht in die Minoritenstraße 13. Im früheren Modehaus Sauer erwartet die Besucher im kommenden Jahr eine innovative und überraschende Dauerausstellung.

Wer sich lieber ganz analog mit der vergangenen Karnevalssession auseinandersetzen möchte, kann das in einem im Marzellen-Verlag erschienenen Bildband tun. Dort finden sich auf einer der ersten Seiten die kreativ gestalteten Masken der Kölner Karnevalsgesellschaften wieder. So waren die Roten Funken genauso individuell maskiert wie die Mitglieder der Großen Kölner oder die Macher der Röschensitzung. Zu finden sind auch verschiedene Karnevalsorden und die Prinzenspange der Session, die in ihren Motiven die Pandemie und ihre Folgen widerspiegeln.

Ein Paar zeigt, wie man trotz Maske sich nahe kommen kann. Andere Bilder zeigen den Besuch des Dreigestirns im Dom, das etwas einsame Leben in der Hofburg oder die etwas andere Prinzenproklamation mit OB Henriette Reker. Dazu kommen Einblicke in das Leben der Karnevalsgesellschaften, die eigene kreative Wege in der Krise finden. Auch die Plakatkampagne, mit der die Jecken zum Feierverzicht aufgerufen worden sind, haben im Bildband ihren Platz gefunden. Es sind so eindrucksvolle wie auch berührende Bilder vom Brauchtum in einer schwierigen Zeit für die gesamte Stadtgesellschaft.

Die Aktiven im Karneval werden vom Sessionsauftakt am Elften im Elften bis zur Nubbelverbrennung von den drei Fotografen begleitet, wodurch ein einmaliges Dokument der Krise und des Frohsinns gleichermaßen entsteht. Dieses wird mit Texten ergänzt, die zum Beispiel die ausgefallenen Rosenmontagszüge auflisten, die die Presseschlagzeilen zusammenfassen oder die Karnevalisten wie Zugleiter Holger Kirsch zu Wort kommen lassen.