Burscheid: Lebenslust und Krisenangst

In der Entlassfeier spiegelt sich die Unsicherheit einer ganzen Schülergeneration – und ihr Selbstbewusstsein.

Burscheid. Vielleicht sind Schulentlassfeiern so etwas wie ein Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen. Wenn das so ist, dann konnte einem bei der gestrigen Entlassfeier der Hauptschule zugleich eng und weit ums Herz werden.

Eng, weil die wirtschaftliche Krise besonders hier so unmittelbare Auswirkungen zeigt. Nicht nur, dass gerade mal zehn von 56 Schulabgängern eine Lehrstelle gefunden haben. Die Unsicherheit schlägt auch bis zu den unteren Klassen durch.

Soll man es witzig, rührend oder eher dramatisch finden, dass auch die Schüler der Klasse 7b mit dem Märchen "Von ganz unten nach oben" schon Geschichten von Arbeitslosigkeit erzählen - und von ihren Träumen, es doch irgendwie zu schaffen?

Als eine Art Burscheider Stadtmusikanten ziehen die vier ohne Job los, entdecken in einer Jagdhütte eine Gruppe Steuerhinterzieher (!) und erfüllen sich mit deren Geld den Traum von einer Karriere als Rockstars.

All die schülereigenen Beiträge der Feier, mal zaghaft, mal prall, stehen ein Stück weit auch für eine Lebenslust, die sich von düsteren Zukunftsaussichten nicht beeindrucken lassen will. Das ist die herzerweiternde Gegendosis für alles Beängstigende: Wer den mitreißenden türkischen Tanz der Zehntklässler erlebt, kann darin von Verzagtheit wenig, von energiegeladenem Selbstbewusstsein aber viel entdecken.

Schulleiterin Waltraud Schmitz, für die der Tag der Feier auch ihr 56.Geburtstag ist, verbindet mit dem diesjährigen Entlassjahrgang eine gemeinsame Geschichte: "Ihr seid wie ich 2003 an diese Schule gekommen." Unsicherheit und das Gefühl der Fremdheit seien bei ihr wie bei den Schülern schnell gewichen. "Die Schule war für euch ja nicht nur Pauken und Stress. Sie war auch ein willkommener Treffpunkt."

Joachim Ferrier, Ausbildungsleiter von Federal-Mogul, kommt diesmal eine seltsame Rolle zu. Als Vertreter des langjährigen Kooperationspartners der Hauptschule will er Mut machen - gerade auch denen, die noch keine Lehrstelle gefunden haben. Zugleich steht er für ein Unternehmen, das eben die größte Entlassungswelle der vergangenen Jahre beschlossen hat.

"Wir haben eine schwierige wirtschaftliche Situation", sagt er. Und erwähnt dann die zwei Azubis namentlich, die auch dieses Jahr den Sprung von der Hauptschule zu FM geschafft haben. Applaus brandet auf - als hätte sich im Erfolg der beiden der Traum aller erfüllt.

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