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Burscheid: Der Bahnhof als Abenteuerspielplatz

Burscheid: Der Bahnhof als Abenteuerspielplatz

Dorle Middendorf verbrachte ihre Kindheit zwischen rangierenden Güterzügen und tobenden Bahnbeamten.

Burscheid. "Wir waren schon eine richtige Saubande", sagt Dorle Middendorf mit einem Schmunzeln. Gemeint ist die Zeit, als sie mit ihrer Freundin den Burscheider Bahnhof als großen Abenteuerspielplatz sah und sich herzlich wenig um an- und abfahrende Züge kümmerte.

Im Gespräch mit dem BV erinnert sich die 70-Jährige an die Zeit nach 1945, als Güterzüge den ersehnten Lebensmittel-Nachschub brachten oder pünktlich zum Schichtwechsel Hunderte von Goetze-Mitarbeitern den Bahnhof stürmten.

"1945sind wir in eine alte Villa in der Nähe des Bahnhofs gezogen. Der Bahnhof war unser Spielplatz. Wenn es trocken war, haben wir auf dem Bahnsteig und an den Gleisen gespielt, und wenn es geregnet hat, haben wir uns im Wartesaal aufgehalten."

Das ging allerdings nur so lange gut, wie Dorle Middendorf und ihre Freudin sich leise verhielten. "Wenn wir zu laut wurden, kam der Wirt von der Bahnhofsgaststätte und hat uns wieder rausgeworfen."

Nicht nur der Bahnhofswirt hatte die Mädchen auf dem Kieker. "Die Bahnpolizei hat uns öfter ermahnt und einige Bahnmitarbeiter bekamen sicher schon einen dicken Hals, sobald sie uns nur sahen", erinnert sich Middendorf.

Ein besonderes Sommervergnügen der beiden Mädchen bestand in den Besuchen des Gartens der "Post-Mine". "Das muss eine alte Schwester, eine Nonne gewesen sein, die auf der anderen Seite der Gleise lebte und dort einen kleinen Obstgarten hatte. Da haben wir uns natürlich gerne herumgetrieben."

Auf dem Weg über die Gleise, hin zum verbotenen Garten, streiften die Mädchen - mal mehr, mal weniger absichtlich - einen elektrischen Draht. "Immer wenn wir da drankamen, klingelte es im Bahnhof. Das war für uns ein Heidenspaß."

Später, als beide Mädchen ein Fahrrad besaßen, fuhren sie Wettrennen um die Kastanienbäume auf der Straße zum Bahnhof. Dass auch die hin- und her eilenden Goetze-Mitarbeiter dabei zum umkurvten Hindernis wurden, war ein sehr einseitiger Spaß.

"Wenn ich heute darüber nachdenke, müssen wir damals mehr als einen Schutzengel gehabt haben. Dass wir da nie unter die Räder gekommen sind, ist schon ein kleines Wunder."