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Kultur: „Bücher sind wie Lebensmittel“

Kultur : „Bücher sind wie Lebensmittel“

Wie erleben Sie gerade die Situation im zweiten Lockdown?

Hejo Emons: Dieser hat denkbar ungünstig mitten im Weihnachtsgeschäft begonnen. Die Buchhandlungen mussten zweieinhalb Monate schließen, das hat auch unseren Umsatz erschüttert, der sich in diesem Zeitraum halbiert hat. Beim ersten Lockdown war das so nicht der Fall, da gab es ein größeres Bedürfnis nach Büchern. Aber jetzt war auch eine gewisse Ermüdung festzustellen, bei den Menschen, beim Buchhandel und auch bei uns Verlagen. Als Buchhändler musste man sich deutlich mehr anstrengen, um Bücher an den Kunden zu bringen. Jetzt nach der Wiedereröffnung ist auch bei uns das Geschäft endlich wieder angesprungen. 

Welche Rolle hat das Buch in Krisenzeiten?

Emons: Man hat mehr Zeit und weniger Ablenkung, da man nicht mehr ausgehen kann. Der Rückzug zum Buch hat schon immer in Krisenzeiten stattgefunden, ob das jetzt eine Pandemie oder früher eine Wirtschaftskrise war. Das Buch ist ein Mittel, um sich zu unterhalten und um sich abzulenken. Das gilt auch in Zeiten des Lockdowns, man kann nicht ständig Fernsehen gucken. 

Welche Rolle spielen die regionalen Titel?

Emons: Bei uns im Verlag haben regionale Titel schon immer eine große Rolle gespielt. Aktuell achten wir bei unserer „111 Orte“-Reihe darauf, möglichst Titel zu präsentieren, die nahe am Leser sind. Da geht es nicht um Moskau oder die Malediven, sondern um Orte, die man bei Ausflügen direkt von der eigenen Haustür erreichen kann. Wir geben dem Leser dann die passenden Infos dazu. Ähnlich funktioniert das bei den regionalen Krimis, die direkt mit dem Alltag der Menschen zu tun haben. Da liest man abends den Krimi und steht am nächsten Morgen beim Einkaufen an dem Ort, wo die Ermittler ihre Leiche gefunden haben. 

Wie wichtig war es, Bücher zumindest zeitweise als Grundbedarf einzustufen?

Emons: Ich finde das prima und absolut richtig. Bücher sind wie Lebensmittel, wir brauchen sie. Wenn ich kein Buch auf dem Nachttisch liegen habe, fühle ich mich unwohl. Gerade für junge Leute, die lange nicht in die Schule konnten, sind Bücher die Möglichkeit, neue Welten zu entdecken und so den eigenen Horizont zu erweitern. 

Welche Rolle spielt für sie das Onlinegeschäft?

Emons: Gerade jetzt sind bei uns E-Books und Hörbücher sehr beliebt. Es ist der einfachste Weg zum Buch. Das Onlinegeschäft hat uns geholfen, die verlorenen Umsätze wieder etwas wettzumachen. 

Wie sieht die Perspektive für das laufende Jahr aus?

Emons: Ich bin ein sehr optimistischer Mensch, der immer davon ausgeht, dass alles gut gehen wird. Natürlich habe ich jetzt Angst vor einem weiteren Lockdown und vor der erneuten Schließung des Buchhandels. Das wäre nicht gut für uns. Wir haben einen Verlag mit 30 Mitarbeitern und 80 weiteren Jobs, die von unserem Umsatz abhängen. Bislang konnten wir Kurzarbeit im Verlag vermeiden, worüber ich als Verleger sehr froh bin. 

Was sind die größten Herausforderungen für Sie?

Emons: Der Druck vonseiten des Buchhandels auf uns ist sehr groß. Wenn sich Buchhandlungen beim Einkauf zusammenschließen, wird es für uns schwierig, die Konditionen durchzusetzen, die wir als Verlag brauchen. Wichtig ist es auch, den richtigen Mix der Titel für unser Programm zu finden. Wir sind nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Verlag aktiv, sondern auch in den USA, Großbritannien, Italien und Frankreich. Da sind die Probleme teilweise deutlich größer als bei uns. 

Wie sieht es mit dem Festival Crime Cologne derzeit aus?

Emons: Für dieses Jahr mussten wir das Festival leider absagen, der Crime Cologne Award wird aber trotzdem online vergeben. Jetzt arbeiten wir am Festival für das kommende Jahr. Dieses hat sich gut entwickelt, auch wenn es ein langer Weg war. Es kommt bei den Verlagen und Autoren sehr gut an. So können wir auf die Fortsetzung unseres Erfolges im kommenden Jahr hoffen. 

Welche Rolle spielt die Kultur in Krisenzeiten?

Emons: Es wurde leider erst spät in der Politik darüber nachgedacht, welche Bedeutung Unterhaltung und Kultur für die Menschen haben. Es ist eine Schande, dass wichtige Hilfen noch immer nicht bei den Künstlern angekommen sind. Aber die Pandemie bietet auch die Chance, Dinge neu zu überdenken, was zu einer größeren Wertschätzung der Kultur führen könnte. Man wird vielleicht erkennen, dass sich nicht wie beim neoliberalen Denken alles rechnen, sondern, dass man sich Kultur einfach leisten muss. 

Was macht Ihnen derzeit Hoffnung und was Sorgen?

Emons: Sorgen macht mir, dass die für uns überlebenswichtigen Buchhandlungen wieder schließen müssen. Hoffnung macht mir die Aussicht, dass im Herbst alle Menschen geimpft sind. Im Moment sieht es aber leider nicht danach aus. 

Worauf freuen Sie sich im eigenen Verlagsprogramm am meisten?

Emons: Auf den Krimi „Das Licht in dir ist Dunkelheit“ von Marc Voltenauer. Der Krimi war ein Bestseller in Frankreich. Er spielt im schweizerischen Wallis, es gibt darin viel Natur und ein ungewöhnliches, schwules Ermittlerpaar.