Menschen helfen Menschen: Blau gefrorene Lippen und Heimweh

Menschen helfen Menschen: Blau gefrorene Lippen und Heimweh

Eine Burscheider Familie findet einen mittellosen rumänischen Arbeitsmigranten. Sie gibt ihm zu Essen und wirft Geld für ein Ticket für dessen Heimflug zusammen. Auch die Polizei hilft.

Irgendwo in einem rumänischen Städtchen an der rumänisch-bulgarischen Grenze, am Rande der  endlosen Weite, die die Wallachei genannt wird, muss er wohl aufgebrochen sein, um Arbeit im gelobten Land zu finden. Wahrscheinlich wurde er mit einem dieser abgewrackten weißen Sprinter die 2200 Kilometer weite Tour nach Burscheid gekarrt. Jeden Tag machen sich diese automobilen Seelenverkäufer in Rumänien auf den Weg zu uns, um billige Arbeitskräfte in deutsche Betriebe zu bringen. Der 36-jährige mit dem Namen Viorel ist einer dieser Arbeitsnomaden, von denen man gehört, aber selten einen kennengelernt hat.

Das hat sich vor Wochenfrist an der unteren Hauptstraße blitzartig geändert. Dort wurde Viorel mit blau gefrorenen Lippen, hungrig und an Heimweh krank, von einer Burscheider Familie aufgefunden. Kein deutsches Wort war aus ihm herauszubringen und als man eine rumänisch sprechende Nachbarin aufgetan hatte, war schnell klar: Viorel wollte nur noch heim nach Rumänien.

Am Sonntag Vormittag vor einer Woche entdeckten Selma Ucar und Murat Akyüz fast zeitgleich den jungen Rumänen frierend an einem Auto hockend. Als sie ihn zum zweiten Mal erblickten, hatte er sich unter einen Baum verzogen. Die beiden Burscheider merkten, dass etwas im Argen lag. „Wir haben ihn erstmal ins Treppenhaus gesetzt und ihm Suppe angeboten.“ Weil weder auf Deutsch, noch auf Englisch oder Türkisch eine Verständigung zustande kam, erinnerte man sich der rumänischstämmigen Nachbarin Nina Höner. Sie kam schon 2004 vom Donau-Delta nach Burscheid. Die zupackende Frau  eilte sofort herbei und konnte dolmetschen. Schnell stellte sich heraus, dass Viorel seit  drei oder vier Monaten bei einem Arbeitgeber in Burscheid unter den Bedingungen einer sogenannten Arbeitnehmerüberlassung schaffte. Das heißt: Viorel arbeitete nach rumänischem Arbeitsrecht für einen Subunternehmer, der mit seinem deutschen Auftraggeber abrechnet. Das hat mindestens den leichten Ruch des Menschenhandels.

Der Rumäne gab an, als  Produktionshelfer und Mädchen für alles an sechs Tagen der Woche je zehn Stunden zu arbeiten. Lohn hatte er für die letzten Monate jeweils bekommen und direkt zu seiner Mutter ins Heimatland geschickt. Murat Akyüz rechnet indes vor: „Was er ausgezahlt bekam, liegt zu 50 Prozent unter dem deutschen Mindestlohn.“ In der Tasche hatte der an der Kölner Straße untergebrachte Mann gerade  noch ein paar Euro-Cent und etwas rumänisches Geld.  „Man sah ihm den Status ,brauche Hilfe’ förmlich an. Und er wollte nur noch nach Hause“, sagt Murat Akyüz.

Die Arbeit sei so schwer und er körperlich angeschlagen, brachten die bald sechs sich kümmernden Burscheider, allen voran die Mehrgenerationenfamilie Akyüz, in Erfahrung. Und Weihnachten wolle er so gerne bei seiner Mutter sein. Aber wie den Flug bezahlen, wie zum Airport kommen? Die Hausgemeinschaft von der Hauptstraße telefonierte noch ratlos mit der Burscheider Polizeiwache. Die Streifenpolizisten nahmen sich der Sache an. Unter dem Stichwort „Hilfeersuchen“ fuhren Polizeikommissarin Jaqueline Schoofs und Polizeioberkommissar Simon Lenzgen an dem Mehrfamilienhaus vor. „Hilfeersuchen“ sei für die Streife immer eine Wundertüte, sagt der 30-jährige Polizist Lenzgen im Gespräch mit dem Volksboten. Da wisse man zunächst nie, was einen erwarte. Doch einen solchen Einsatz wie an der Hauptstraße habe er auch noch nicht erlebt. Von den Papieren her sei mit Viorel ja alles in Ordnung gewesen, aber der Mann eben völlig hilflos.  Und nur dank der rumänischen Nachbarin habe man sich verständigen können. „Auch wir als deutsche Polizei waren völlig aufgeschmissen.“

Wirkliche Hilfe war der Polizeistreife in diesem Moment nicht möglich. Doch dann fasste sich die Familie Akyüz ein Herz: Die Mitglieder der Großfamilie legten zusammen und buchten im Internet ein Ticket für den nächsten Flieger von Köln nach Bukarest. Auch die Ordnungshüter waren bei dieser guten Tat erst sprachlos, wurden dann erfinderisch.  Polizeioberkommissar Simon Lenzgen: „Wir haben uns mit der Autobahnpolizei Bensberg kurzgeschlossen. Bis zur Autobahnauffahrt Burscheid brachten wir den rumänischen Bürger, dort wurde er von den Kollegen übernommen.“ Die Autobahnpolizisten transportierten Viorel bis zum Kölner Flughafen, lotsten ihn an den richtigen Schalter und erklärten ihm den Flug. Mit einem Taschengeld, das Viorel von der Familie Akyüz bekommen hatte, konnte er sich auf dem Airport verpflegen, bevor sein Flieger nach Bukarest abhob.

Großvater arbeitete einst
bei Schmitz & Schulte

Für die Familie Akyüz, man lebt inzwischen in dritter Generation in Deutschland und die meisten Familienmitglieder haben die deutsche Staatsangehörigkeit, war die Hilfeleistung eine Selbstverständlichkeit. „Wir sind auch Migranten“, sagt Murat Akyüz und greift nach der Hand seines Vaters Süleymann. Dieser und seine Frau Huriye kamen 1969 als erste türkische Gastarbeiter-Generation nach „Almanya“. Der heutige Großvater arbeitete 35 Jahre bei Schmitz & Schulte.  Kinder und Enkelkinder wurden hier geboren und erwachsen. Die in Burscheid gelebte Kultur ist so bunt, dass es am Wohnzimmertisch türkischen Tee und deutschen Nusskuchen gibt. Und über dem Sofa hängt ein großformatiger röhrender Hirsch: eine deutsch-türkische Heimat.  Familie Akyüz hat Viorel vom Herzen her verstanden, das wird klar.

Und der 36jährige Rumäne, also Viorel? Der hat die Burscheider Familie wohl auch tief in seinem Herzen aufgenommen. „Er hat uns nach Rumänien eingeladen. Er hat gesagt, er werde ein Schaf schlachten, Wein und Käse auftischen, wenn wir kämen.“

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