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Besuch in Auschwitz: „Nur wenn wir Worte finden, ist Gedenken nicht nutzlos“

Holocaust-Gedenktag : Besuch in Auschwitz: „Nur wenn wir Worte finden, ist unser Gedenken nicht nutzlos“

Am Holocaust-Gedenktag besucht Armin Laschet zum ersten Mal das KZ-Museum - und trifft auf eine Jugendgruppe aus Juden, Christen und Muslimen.

Moritz bleibt höflich. Aber dass Aya und Noura, die beiden muslimischen Studentinnen aus Bielefeld mit ihren modischen Kopftüchern, von den umstehenden Journalisten wieder mit der Frage nach dem Antisemitismus unter Muslimen konfrontiert werden, weckt seine Verteidigungsgefühle.

„Die christlichen Teilnehmer unserer Gruppe werden das bestimmt nicht so oft gefragt“, sagt der 19-jährige Jude. Und dann liefert er noch eine Erklärung nach, warum die Viererclique so gut harmoniert, zu der auch Sima (20) gehört, eine Jüdin, die gerade ihren Bundesfreiwilligendienst bei der Union progressiver Juden (UpJ) ableistet: „Muslime und Juden sind nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft.“ Das schafft Gemeinsamkeiten.

Die vier gehören zu einer Gruppe Jugendlicher und meist junger Erwachsener jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens auf Besuch in Auschwitz. Die UpJ hat die interreligiöse Fahrt schon zum zweiten Mal organisiert. Viele Schüler der Bielefelder Marienschule sind darunter, aber auch Studenten und ein 68-jähriger muslimischer Arzt. Am Donnerstag haben sie eine Zeitzeugin gesprochen, am Freitag das Vernichtungslager Birkenau besucht und abends den Gottesdienst zur Begrüßung des Schabbats in der Synagoge von Oswiecim, wie Auschwitz auf Polnisch heißt. Am Samstag war die ehemalige Fabrik von Oskar Schindler in Krakau an der Reihe. Alle hatten zuvor noch mal den inzwischen 25 Jahre alten Steven-Spielberg-Film „Schindlers Liste“ gesehen.

Jetzt ziehen die jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren eine Art Zwischenbilanz der ersten Tage. Für Sima war es ein bewegender Moment, gemeinsam mit Christen und Muslimen in der Synagoge dafür zu stehen, dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Und dass Hitler es nicht geschafft hat: Selbst hier, an diesem Ort des industriellen Massenmords, ist jüdisches Leben wieder Alltag in der Stadt. Und die Muslime haben im jüdischen Gottesdienst manches Vertraute entdeckt, die Kopfbewegung beim Beten nach links und rechts beispielsweise oder religiös motivierte Reinlichkeitsvorschriften. Für den 17-jährigen Mahyar, der im Frühjahr sein Abitur macht, steht fest: „Wir haben den Holocaust nicht als Juden, Christen und Muslime reflektiert, sondern als Menschen.“ Später wird er noch ergänzen: „Wir haben nicht die Verantwortung für das, was passiert ist. Aber wir haben die Verantwortung, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert.“

Einen Tag später, es ist der 27. Januar. Vor 74 Jahren hat die 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Die Soldaten der Roten Armee stießen auf gerade noch 7500 Überlebende, darunter fast 500 Kinder. Für mindestens 1,1 Millionen Menschen kam die Befreiung zu spät: Sie hatten Hunger, Folter, Zwangsarbeit und Gaskammern nicht überlebt, ihre Asche hatte die Felder gedüngt oder war im Fischteich von Birkenau versunken.

Wahrscheinlich gibt es nicht viele Orte auf der Welt, an denen man es als Besucher so unangemessen findet, zu frieren und Hunger zu haben - wohlgenährt, winterlich ausgestattet und mit einem warmen Hotelzimmer als Aussicht für den Abend. Irith Michelsohn weist mehrfach auf diese zwiespältigen Empfindungen hin, denen man in Auschwitz ausgesetzt sein kann. Die Gefangenen in ihrer dünnen Kleidung, unterernährt und erschöpft, mussten oft Stunden auf dem Appellplatz ausharren. Im Winter kann es hier schon mal minus 30 Grad kalt werden.

Michelsohn, Generalsekretärin der UpJ, hat die Reise organisiert. Sie ist zum siebten Mal in Auschwitz und hat mittlerweile alle polnischen Konzentrations- und Vernichtungslager besucht - auf den Spuren ihrer Familie. Ein Zweig stammt aus Oswiecim, war 1894 nach Fürth ausgewandert und wurde ein halbes Jahrhundert später wieder zurück nach Auschwitz deportiert. Am Morgen des Internationalen Holocaust-Gedenktages erwartet die kleine Frau mit den lebendigen Augen inmitten der Jugendgruppe vor dem Tor zum Stammlager 1 und seinem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“ den NRW-Ministerpräsidenten.

Zwei Stunden nimmt Armin Laschet sich Zeit, um mit der Gruppe das Museum zu besuchen. Die neue NRW-Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheuser-Schnarrenberger ist dabei, auch Integrations-Staatsekretärin Serap Güler. Es sind zwei Stunden, in denen überwiegend geschwiegen wird. Nur die warme Stimme von Ewa Pasterak erläutert unermüdlich die Dokumente des Grauens. Sie ist eine der Museums-Guides, die hier niemand wagen würde, Führer zu nennen.

Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, im Tempo des organisierten Besuchsbetriebs einzelne Schicksale bewusst wahrzunehmen. „Schauen Sie, eine große Menge Kinder, drei bis vier Stunden vor dem Tod“, sagt Pasterak vor einer Aufnahme, die ungarische Juden im Jahr 1944 bei der Ankunft zeigt. Die allermeisten Ermordeten in Auschwitz stammten aus Ungarn und Polen, zusammen fast drei Viertel der Opfer. Wer war dieser Junge rechts vorne auf dem Foto? Woher stammte Ruth Heumann, geboren am 16. April 1918, deren Name auf einem der unzähligen hinter Glas ausgestellten Koffer steht? Welches Kind mag diese winzigen Schuhe getragen haben?

Die Konservatoren in Auschwitz tun, was sie können, um diese Dokumente der Vernichtung zu erhalten. Nur bei den sieben Tonnen Frauenhaaren, abgeschnitten, um durch ihre Beimischung die Textilienproduktion billiger zu machen, wird der Kampf verlorengehen. Das „Zeit-Magazin“ hat gerade geschrieben, dass in acht Jahren vermutlich der völlige Zerfall eingetreten sein wird.

Fast am Ende des Rundgangs steht der Block 11, der Todesblock, in dessen Keller vier Männer zur Strafe nächtelang zusammen in 90 mal 90 Zentimeter großen Stehzellen eingepfercht wurden, in dessen Pseudoprozessen es nur Todesurteile gab. Danach muss irgendetwas passieren, weil man es sonst kaum mehr aushält. Frederik und Noura tragen im Innenhof den Gedenkkranz des Landes Nordrhein-Westfalen vor die Schwarze Mauer, an der Tausende Insassen erschossen wurden, Armin Laschet richtet die Schleife. Dann stellt sich die Gruppe einen Block weiter im Kreis auf für eine kleine Gedenkandacht. Auszüge aus dem Koran, ein christliches Gebet, ein jüdischer Trauergesang. Es ist der vielleicht bewegendste Moment des Vormittags und zugleich eine Entlastung, weil sich für Minuten die innere Erstarrung löst.

„Nur wenn wir Worte finden, ist unser Gedenken nicht nutzlos“, sagt Rabbiner Walter Homolka, Bundesvorsitzender der UpJ. „Muslime, Juden und Christen, wir haben alle dieselbe Aufgabe, den Fluch von Auschwitz zum Segen werden zu lassen.“ Für die meisten, die mit ihm im Kreis stehen, ist es der erste Auschwitz-Besuch, auch für Armin Laschet. Es könnten in der heutigen Zeit andere Minderheiten sein, die ausgegrenzt würden, sagt er. Darum müssten die Geschichten weitererzählt und die Erinnerungen wachgehalten werden, „auch wenn keine Augenzeugen mehr leben“.

Die letzten Meter führen vorbei an dem Galgen, an dem der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß am 16. April 1947 in Sichtweite der Villa gehenkt wurde, in der er während seiner dreieinhalb Jahre in Auschwitz mit Ehefrau und den fünf Kindern gelebt hatte, ganze 30 Meter vom KZ entfernt. Aber was bedeutet dieser Urteilsspruch schon gegen die nur wenige Schritte entfernte erste provisorische Gaskammer mit den Verbrennungsöfen? Hier erfolgten die Testläufe mit Zyklon B, hier wurden in den Anfängen 300 Menschen am Tag ermordet. Die Perfektionierung der Tötungsmaschinerie im drei Kilometer entfernten Vernichtungslager Birkenau brachte es später auf bis zu 5000 Menschen am Tag.

Was folgt aus dem „Nie wieder“? Nach der offiziellen Gedenkfeier in Birkenau treffen sich Laschet und die Jugendgruppe am Nachmittag noch einmal zu einer Gesprächsrunde in der Internationalen Begegnungsstätte Auschwitz. Die Diskussion endet beim Antisemitismus der Gegenwart und den Bedrohungsgefühlen in den jüdischen Gemeinden. „Wir fühlen uns als Juden in NRW sehr sicher“, sagt Irith Michelsohn. Es raunt in der Runde. Der Satz steht auf unsicherem Grund. Das „Nie wieder“ auch.