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Autonomes Fahren ist ab 2035 im Bergischen realistisch

Zukunftsperspektive : Autonomes Fahren ab 2035 im Bergischen realistisch

Stephan A. Vogelskamp spricht über Projekte in den Bereichen Automotive, Gesundheit und Maschinenbau.

Das Auto fährt von selbst durch die Innenstadt, sucht eigenständig einen Parkplatz – möglichst nah bei einem vorher definierten Punkt – und bringt den Insassen wieder aus der Stadt heraus. Für Stephan A. Vogelskamp, Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (BSW), ist das ein realistisches Szenario. „Ich glaube, so ab 2035 fahren wir autonom durch das Bergische.“

In Bezug auf die Fahrzeugtechnik könnte es noch schneller gehen, das Problem sei „die korrespondierende Ebene im Straßenraum“: Autonom fahrende Autos benötigen gute Markierungen und entsprechende Sensoren. „Wir müssen den Straßenraum extrem aufwerten, das ist eine große Infrastrukturaufgabe.“

Und genau da kommt die BSW ins Spiel – indem sie Akteure zusammenbringt, Forschungsprojekte ins Leben ruft und die in der Fachsprache berühmten „Cluster“ betreut. Was recht sperrig als „einheitliches Ganzes zu betrachtende Menge von Einzelteilen“ definiert ist und konkret heißt, dass verschiedene Firmen und die öffentliche Hand bei einem Thema wie dem Autonomen Fahren zusammengebracht werden müssen. „Wir müssen zeitnah in den Straßenbau investieren, so dass Sensorik, die das Autonome Fahren braucht, frühzeitig verbaut wird“, erklärt Vogelskamp.

Das sei in Zeiten der Corona-Krise Chance und Perspektive zugleich: „Wir können so frühzeitig alle Formen der Beschäftigung anregen – vom Straßenbauer bis zum Ingenieur.“ Zwischen regionalen Verkehrsbetrieben, Kommunen und Automobilzulieferern zum Beispiel gebe es überlappende Interessen. „Sensoren im öffentlichen Raum können ein Geschäftsmodell werden.“

Das Coronavirus wirke sich nicht nur negativ auf die Wirtschaft aus – es sei auch ein „ungeplanter Turbo, der schwer zu beherrschen ist“. Gerade im Bereich der Mobilität werde sich der Wandel enorm beschleunigen – diesem Wandel sehen sich nun teils angeschlagene Firmen gegenüber. „Das trifft auch die Unternehmen, die genau das Richtige gemacht haben, nämliche hohe Investitionen in die Zukunft getätigt haben“, erklärt Vogelskamp, der einen engen Draht zu vielen Firmen hat.

Diese Investitionen führten zu wirtschaftlich schlechteren Jahren 2018 und 2019 im betriebswirtschaftlichen

Ergebnis – und nun kommt die Pandemie obendrauf. „Wir werden einen sehr ungemütlichen Herbst kriegen mit wirklich gefährdeten Unternehmen“, befürchtet er. Das gelte auch für Firmen, die komplett gesund waren und Funktionen innerhalb eines Netzwerks haben. „Das sorgt uns tatsächlich, auch weil die weltweite Konjunktur nicht wieder anspringt. Wir mahnen in allen Krisenstäben: Nehmt das ernst mit Abstand und Maske, das rettet nicht zuletzt Arbeitsplätze.“

Manche Firmen sind allerdings auch selbst schuld an ihrer Krise. Ein großer Automobilhersteller, mit dem Vogelskamp in Kontakt steht, ging fest von einer neuen Abwrackprämie aus. Die sei notwendig, so der Hersteller, um Innovationen zu finanzieren. „Die gleichen Statements gab es schon zur Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren.“ Da frage er sich schon, wie viel Zukunft teilweise ausgeblendet werde. Er sei froh, dass keine Abwrackprämie gekommen ist, die wäre „dumpf ins Leere gelaufen“.

Wenn Corona einmal zu Ende ist, könne das Bergische gestärkt daraus hervorgehen. Gehe die technische Entwicklung weiter voran, fallen aber Arbeitsplätze weg, vor allem bei den weniger Qualifizierten. Umschulungen und Weiterbildungen müssen organisiert werden. Wenn der Strukturwandel jetzt so extrem beschleunige, verlieren Menschen in den besten Lebens- und Arbeitsjahren ihre Jobs. „Darauf müssen wir uns vorbereiten“,

sagt Vogelskamp. So könne etwa jemand, der lange Zeit Bordelektrik an Verbrennungsmotoren bearbeitet hat, in den Feldern neue Energiegewinnung oder Photovoltaik eingesetzt werden – wenn es die richtigen Strukturen gibt.

Doch die BSW befasst sich nicht nur mit Automotive. Ganz wichtig im Bergischen sei der Maschinenbau, „der für sich in allen Bereichen gerade Robotik und Künstliche Intelligenz entdeckt“. Auch die Gesundheitswirtschaft stehe vor spannenden Herausforderungen.

Sorgen bereiten Vogelskamp vor allem die Bereiche Tourismus und Kulturlandschaft. Wenn das wegbreche und wegbleibe, sei das für die Region ein unglaublicher Verlust. „Nehmen wir die Villa Media in Wuppertal. Die ist verschwunden und kommt auch nicht so schnell wieder.“

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