Wird jeder zum Organspender? - Debatte führt raus aus der Komfortzone

Gesetzesentwurf : Wird jeder automatisch zum Organspender? - Die Debatte führt raus aus der Komfortzone

Der neue Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn würde die Bürger dazu zwingen, sich mit der Organspende bewusst auseinanderzusetzen. Das wäre ein großer Fortschritt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird an diesem Montag den absehbar umstrittensten Gesetzentwurf in seiner bisherigen Amtszeit vorlegen. Es geht darin ja auch buchstäblich um Leben und Tod. Spahn will, dass jeder Bürger in Deutschland potenziell ein Organspender ist. Es sei denn, er widerspricht dem ausdrücklich. Das ist ein fundamentaler Richtungswechsel. Denn bislang gilt: Eine Organentnahme kann nur erfolgen, wenn ihr ausdrücklich zugestimmt wurde. Der Vorstoß hat Anhänger und Gegner quer durch alle Parteien. Ob sich Spahn durchsetzen kann, ist daher unklar. Aber allein schon die Debatte ist notwendig, um endlich die Komfortzone bei diesem brisanten Thema zu verlassen.

Fast 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Im Schnitt sterben täglich etwa drei von ihnen, weil die passende Leber oder Niere nicht rechtzeitig zur Verfügung steht. Die Zahl der Spender ist nämlich lächerlich gering. Gerade einmal 955 Menschen überließen im vergangenen Jahr nach ihrem Hirntod anderen Schwerstkranken bestimmte Organe. Auch wer den Vorstoß von Spahn nicht teilt, wird anerkennen müssen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Zwar bekommen alle Versicherten im Alter ab 16 Jahren ein Schreiben von ihrer Krankenkasse, wonach sie sich freiwillig zur Organspendenbereitschaft erklären sollen. Die allermeisten scheuen jedoch die Entscheidung. Sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, fällt zweifellos schwer. Hinzu kommen diffuse Ängste, die spätestens seit dem Skandal um manipulierte Wartelisten nicht unbedingt kleiner geworden sind. Wird ein Organspender womöglich leichter für tot erklärt als ein Nichtspender? Und was bedeutet eigentlich Hirntod?

Spahns Widerspruchslösung würde die Bürger dazu zwingen, sich mit der Organspende bewusst auseinanderzusetzen. Das wäre ein großer Fortschritt. Die Gegner indes lehnen jeden Zwang ab und argumentieren mit einem unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht. Doch ist es wirklich unzumutbar, einen Widerspruch zu artikulieren, um aus welchen Gründen auch immer nicht als Organspender in Betracht zu kommen? Ein fraktionsübergreifender Alternativvorschlag für ein zentrales Organspende-Register, in das sich jeder Bürger freiwillig eintragen kann, würde die Sache jedenfalls nicht besser machen. Denn im Prinzip liefe es damit weiter so wie gehabt.

Mit der Widerspruchslösung allein ist es allerdings noch nicht getan. Die mangelnde Spendenbereitschaft hat auch viel mit dem mangelndem Vertrauen in das Transplantationssystem zu tun. In Ländern mit hohen Spenderzahlen wird es zentral über staatliche Stellen gesteuert. In Deutschland entscheiden darüber Interessenverbände wie die Bundesärztekammer. Hier muss die Politik mehr Verantwortung übernehmen. Neben der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Spendenbereitschaft braucht es auch deutlich mehr Transparenz im System. Nur dann werden die Spenderzahlen spürbar steigen.

Stefan Vetter. Foto: k r o h n f o t o . d e
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