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Warum Trumps Infektion kein Grund für Häme ist

Kommentar : Warum Trumps Infektion kein Grund für Häme ist

Das Weltgeschehen lässt wenig Pointen aus in diesen Tagen, die wenigstens davon sind belustigend: Donald Trump ist an Covid19 erkrankt. Die Börse reagiert nervös mit Kursverlusten, Twitter dreht durch.

Grund zur Schadenfreude oder Häme ist die Ansteckung des Präsidenten mit einem Virus, das er selbst nie ernst genommen hat, freilich nicht. Wer den Anspruch hat, das fortdauernde Benehmen des amerikanischen Präsidenten nicht zum Maßstab eigenen Verhaltens machen zu wollen, muss hier eine Grenze erkennen. Und wer darüber hinaus geht, sollte mindestens nicht in offizieller Mission unterwegs sein: Was da am Freitag in sozialen Netzwerken angesichts der Trump-Infektion auch von deutschen Politikern zu lesen war, ist kein Ruhmesblatt.

Tatsächlich aber muss der US-Präsident mit Zweifeln leben. Eben mit der Frage, ob diese Infektion nicht auch vorgetäuscht sein könnte, um in einem US-Wahlkampf, in dem er nach den Umfragen deutlich gegen seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden zurückliegt, eine neue Wendung herbeizuführen. Eine Wendung, die Trump auf der Ebene der Argumente kaum mehr herbeiführen können würde. Das ist die wahrscheinlich dramatischste Erkenntnis des gestrigen Tages: Dass die Welt allen Grund hat, diese Trumpsche Diagnose anzuzweifeln. Wohin sind wir eigentlich gekommen?

Klar ist: Diese Entwicklung wird Einfluss nehmen auf die Wahl des Präsidenten am 3. November. Nur wie, das ist noch nicht klar. Womöglich wird die medizinische Unsicherheit Wähler abhalten, Trump zu wählen. Es kann auch sein, dass der Wegfall von TV-Duellen und fehlende Kraft im Wahlkampf den Ausschlag gegen Donald Trump befördert. Aber es ist genauso gut eine mögliche Pointe, dass jenes Virus, für das Trump Wissenschaftler in den Senkel stellte, China als Macht des Bösen identifizierte, und gegen das er aus arroganter Laxheit bis vor zwei Tagen nicht einmal einen Mund- und Nasenschutz tragen wollte, dem Präsidenten am Ende noch hilft, seinen Job zu behalten. Und diese Pointe wäre wirklich nicht witzig.