Verpackungsmüll: Der Preis des Wachstums

Meinung : Verpackungsmüll: Der Preis des Wachstums

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Verpackungsmüll hat ein neues Rekordniveau erreicht. Wenn all die Nachhaltigkeits-Leitsätze in den Unternehmen und die privaten Müllvermeidungsstrategien so wenig fruchten, stimmt etwas Grundsätzliches nicht.

Jahresberichte haben oft einen ähnlichen Effekt: Neue Zahlen werden auf den Markt gespült, es gibt einige erwartbare Reaktionen, dann wird das Thema entsorgt – bis zum nächsten Jahr. Wie viele Mahnungen, Appelle und Forderungen hat das Thema Verpackungsmüll eigentlich schon erlebt? Mit dem eindrucksvollen Ergebnis, dass der Pro-Kopf-Verbrauch ein neues Rekordniveau erreicht hat.

Nur auf die Unternehmen zu schimpfen, die uns den Verpackungswahn zumuten, greift jedenfalls zu kurz. Es sind auch wir Konsumenten, die sich diese Zumutung weiter gefallen lassen. Oder die geschickte Wege finden, sich selbst zu entlasten: ein bisschen Unverpackt-Konsequenz auf der einen Seite, dafür gehobene Verpackungsansprüche auf der anderen. Die Erwartungen an die Wiederverschließbarkeit oder Dosierfähigkeit von Verpackungen steigt – und damit auch der Materialverbrauch.

Ein Kommentar von Ekkehard Rüger. Foto: ja/Sergej Lepke

Deutschland als einer der Verpackungs- und Recyclingweltmeister zugleich – ja, das stimmt schon. Aber daraus wird kein Nullsummenspiel. Wenn all die Nachhaltigkeits-Leitsätze in den Unternehmen und die privaten Müllvermeidungsstrategien so wenig fruchten, stimmt etwas Grundsätzliches nicht.

Die Verpackungsdiskussion erinnert fatal an die Debatte um die Verkehrsemissionen: Auch dort werden die Autos immer klima- und umweltverträglicher, aber die schiere Zunahme der Pkw-Nutzung frisst diese Erfolge wieder auf. Ähnlich verhält es sich bei den Verpackungen: Ihre Menge ist auch ein Indikator für Wirtschaftswachstum – aber eines, das seinen Preis hat. Kleine Erinnerung: Der weltweite Erdüberlastungstag, also der Tag, ab dem rechnerisch mehr natürliche Ressourcen verbraucht werden, als im selben Jahr nachwachsen können, lag 2019 auf dem 29. Juli – so früh wie noch nie. Nach deutschen Maßstäben war er schon am 3. Mai erreicht.

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