Türkei: Der Traum des Egomanen

Meinung : Der Traum des Egomanen

Zynisch veranlagte Zeitgenossen werden womöglich spotten, die verweigerte Akkreditierung deutscher Journalisten in der Türkei sei ein Zeichen für die Verbesserung der Situation im Land: Immerhin wurden die  drei erfahrenen Korrespondenten nicht gleich verhaftet.

In Wahrheit beweist das arrogante Gehabe des türkischen Staates natürlich nur, dass sich seit der Auseinandersetzung um den ein Jahr lang inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel nichts zum Besseren gewendet hat.

Ein Jahr nach Yücels Freilassung arbeitet der türkische Präsident Erdogan weiter unnachgiebig daran, kritischen und unabhängigen Journalismus einzuschränken und zu verhindern, wo es nur geht. Nach Angaben der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ befinden sich derzeit 31 Journalisten in der Türkei in Haft; in Dutzenden weiteren Fällen ist ein Zusammenhang zwischen Haft und journalistischer Arbeit wahrscheinlich, lässt sich aber derzeit nicht nachweisen. Denn oft genug gibt es längere Zeit keine Aussagen über die Anschuldigungen. Auch die drei Korrespondenten von „Tagesspiegel“, ZDF und NDR wissen nicht, warum ihnen die Akkreditierung verweigert wurde.

Erdogan träumt von einem Pressekorps der Hofbericht­erstatter. Das eint ihn mit US-Präsident Donald Trump, der im November dem  unliebsamen CNN-Reporter Jim Acosta vorübergehend die Akkreditierung für das Weiße Haus entzog, und vielen anderen Egomanen der Weltpolitik.

Dass die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit 2018 unter 180 Staaten Platz 157 einnimmt, wird ihren Präsidenten nicht stören. Aber stören wird ihn, wenn sich trotz aller Unterdrückungsversuche unabhängiger Berichterstattung das Bild, dass die Welt von ihm hat, nicht ändert. Ihn einen autokratischen Verächter der Freiheit zu nennen, bleibt Aufgabe der Presse – überall da, wo sie selbst noch frei ist.

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