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Meinung: Thyssenkrupp - Weg vom Stahl, aber wohin?

Meinung : Thyssenkrupp - Weg vom Stahl, aber wohin?

Heinrich Hiesinger hat ein wichtiges Etappenziel erreicht. Die Gespräche zwischen dem Chef von Thyssenkrupp und dem indischen Konkurrenten Tata über eine Stahl-Fusion liefen mehr als zwei Jahre, begleitet von zahlreichen Protesten der Arbeitnehmer.

Doch am Ende steht eine Einigung, der auch die IG Metall und der Betriebsrat zustimmen können. Zwar fallen 4000 Stellen weg, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Aber: Darüber hinaus sind bis September 2026 betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen vom Tisch. Und nicht nur das: Der Essener Konzern verpflichtet sich, in dieser Zeit pro Jahr mindestens 400 Millionen Euro in die Stahlsparte zu investieren. Offenkundig will Hiesinger die Neuausrichtung des Konzerns ohne weitere Reibungsverluste durchziehen. Allen Beteiligten gebührt Respekt für einen solchen Vertrag.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Thyssenkrupp seine Wurzeln kappt: Die Trennung vom Stahl steht fest. Überkapazitäten drücken die Preise. Vor allem die Chinesen fluten die Märkte mit subventionierter Billigware — der Preiskampf ist ruinös. Wer nicht aus eigener Kraft oder durch Fusionen wächst, geht unter. Der von US-Präsident Donald Trump provozierte Handelskrieg verschärft die Lage zusätzlich. Dass Thyssenkrupp/Tata weiter schrumpfen muss, ist wahrscheinlich. Welche Werke nach 2026 bei Bedarf dicht gemacht werden, wird in den Niederlanden entschieden. Denn dort hat die neue Stahlfirma ihren Sitz. Mit Recht beklagt die IG Metall eine Steuer- und Mitbestimmungsflucht im Zuge der Fusion. Die neue NRW-Landesregierung hat nichts unternommen, um das Unternehmen in NRW zu halten — ein dicker Minuspunkt in der Bilanz von Schwarz-Gelb nach gut einem Jahr.

Und Hiesinger? Losgelöst vom Stahl will der Konzernchef verlässlich hohe Gewinne erwirtschaften. Der ehemalige Siemens-Manager setzt dabei auf den Anlagenbau, die Aufzugfertigung und U-Boote. Streitbare Investoren wie Cevian und Elliott sitzen ihm dabei allerdings im Nacken. Aus ihrer Sicht agiert Hiesinger zu langsam. Die großen Anteilseigner wollen Thyssenkrupp am liebsten zerschlagen und die lukrativen Einzelteile an der Börse versilbern. Um das zu verhindern, muss Hiesinger sehr bald eine überzeugende Strategie für die Neuausrichtung präsentieren. Zweistellige Renditen sollten es schon sein, damit die Fondsmanager zufrieden sind.