Tempo 130 auf Autobahnen - Die Männer sind dagegen

Meinung : Tempo 130 auf Autobahnen - Die Männer sind dagegen

Dass die Debatte um Tempo 130 auf Autobahnen nach kurzer Aufwallung nun auch hochoffiziell beendet wurde, überrascht nicht. Die Männer, vor allem die starken Männer, sind dagegen. Und das entscheidet.

Man soll vom Pferd absteigen, wenn man merkt, dass es tot ist. Und ein aufgebocktes Auto gar nicht erst zu fahren versuchen. Dass die Debatte um Tempo 130 auf Autobahnen nach kurzer Aufwallung nun auch hochoffiziell beendet wurde, überrascht nicht. Es gibt laut Umfragen zwar eine Mehrheit dafür, doch sind es die Falschen. Frauen überwiegend, außerdem Alte. Die Männer, vor allem die starken Männer, sind dagegen. Und das entscheidet.

Freie Fahrt ist ein deutsches Kulturgut, so wie das Reinheitsgebot beim Bier. Es ist manchmal ja auch ganz praktisch – wenn die Autobahn leer ist. Das bisschen CO2-Minderung, das Tempo 130 bringen würden, ist der Mehrheit dieser Nutzer die Freiheitseinschränkung jedenfalls nicht wert.

Die Frage ist, für welchen Gegennutzen die Politik es wagen könnte, gegen diese Gefühlswelt zu handeln. Die konservative Polizeigewerkschaft bringt die Verkehrstoten ins Spiel. Weil es Erfahrungswerte aus tempobeschränkten Abschnitten gibt, schätzt man, dass ihre Zahl um rund 26 Prozent sinken würde, wenn überall auf den deutschen Autobahnen der Fuß vom Gas genommen werden müsste. Das wären geschätzt rund 100 Tote und 1500 Schwerverletzte weniger. Ist das genug?

Ein Kommentar von Werner Kolhoff. Foto: k r o h n f o t o . d e

Die Gewerkschaft macht auch einen Vorschlag zur Güte, um das zu testen: Man solle Wechselverkehrszeichenanlagen auch auf jenen 70 Prozent der Autobahnen errichten, die noch ohne Beschränkung sind. Sie könnten eingeschaltet sein, wenn der Verkehr dicht ist oder es regnet, und 150 km/h oder auch mal freie Fahrt erlauben, wenn es weniger gefährlich ist. Dann würden sich die Leute vielleicht an das gewöhnen, was fast überall sonst auf der Welt schon Standard ist. Und womöglich feststellen, dass flüssiges, ruhiges Fahren gegenüber dem Wechsel von Vollgas und Vollbremsung gar nicht so schlimm ist. Leider spricht nichts dafür, dass es diesen Versuch in Deutschland geben wird.

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