1. Meinung

Tag der deutschen Einheit: Warum nach der Wahl Ehrlichkeit gefragt ist

Tag der deutschen Einheit : Warum nach der Bundestagswahl Ehrlichkeit gefragt ist

Der Osten hat blau gewählt. Nach der Bundestagswahl zeigt sich deutlich, dass die politisch-gesellschaftliche Spaltung Deutschlands ehrlich aufgearbeitet werden muss.

Marco Wanderwitz ist unerwünschte Person im Osten der Republik. Der Ostbeauftragte der deutschen Bundesregierung und CDU-Bundestagsabgeordnete hatte vor Monaten in einem Interview auf die Frage, warum die AfD im Osten so stark sei, geantwortet, dortige AfD-Wähler seien „teilweise in einer Form diktatursozialisiert, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind“. Seither heftet Wanderwitz mancher Parteikollege die folgenden Unions-Wahldesaster im Osten ans Revers.

Und viele Menschen auf der Straße schicken ihre ausgesprochene Abneigung hinterher. Seinen Wahlkreis „Chemnitzer Umland – Erzgebirgskreis II“ hat Wanderwitz an AfD-Sieger Mike Moncsek verloren, nur über die Landesliste seiner Partei sitzt er nun auch in der nächsten Legislatur im Bundestag. Und wird – standhaft, wie er sich zuletzt gab – bei seiner Meinung bleiben. Und gegen ihren Gehalt ankämpfen.

Wanderwitz hat damit Respekt verdient. Vor allem, weil er nicht nur kurz einen Spruch rausgehauen hat, sondern seine Analyse differenzierter ging und auf Erfahrungswerte eine Antwort sucht, die vor allem mit kalter Abwendung zu tun haben. Nicht im gesamten Osten gleichermaßen, aber vor allem in Sachsen und Thüringen. Hingeworfen von Menschen, die in Massen der AfD ihr Vertrauen schenken und vor allem eines sind: dagegen. Die Partei nimmt ihnen zwar Frust ab und stänkert mit, aber inhaltlich unternimmt sie nichts für sie. Folgen hat das nicht.

Angesichts solcher stumpfen Menschenfängerei darf man soziologische Hintergründe für eine so blau gefärbte Region im Osten nach der Bundestagswahl und vor dem Tag der Deutschen Einheit am Sonntag mehr denn je hinterfragen.

Politiker jedenfalls, die dort kurz vor der Wahl auftauchen und hier und dort mal ein neues Bundesamt versprechen, sind nicht die Lösung, mit der sich diese verfestigende politisch-gesellschaftliche Spaltung mindern lässt. Gleiche Löhne, gleiche Renten, klar, die muss es künftig geben. Aber auch Politiker, die nicht nur das Volk sanft beschwichtigen, sondern dem Konflikt ehrlich begegnen, um ihm neu zu begegnen.