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Meinung: Studentenleben? Das ist heute anders als früher

Meinung : Studentenleben? Das ist heute anders als früher

Wenn Studierende heute darüber klagen, dass sie sich besonders gestresst fühlen, dann sind viele der dafür verantwortlich gemachten Ursachen ganz und gar nicht neu: Prüfungsangst? Die hatten auch frühere Generationen.

Bedenken, nach dem Examen nicht den passenden Job zu bekommen — das kannte man auch vor 20 oder 30 Jahren. Und ist nicht vieles sogar einfacher geworden gegenüber früher: die Möglichkeit, schnell auf elektronischem Wege an Informationen zu kommen, sich auszutauschen. Früher war das wesentlich aufwendiger — wenn man so gar nicht an ein für eine Hausarbeit benötigtes Fachbuch kam, weil es über Wochen in der Bibliothek ausgeliehen war.

Und doch, so sieht es aus, hat es die Generation der jetzt Studierenden schwerer. Heute käme kein Radiomoderator mehr auf die Idee — wie einst im WDR-Mittagsmagazin — um 12 Uhr ein süffisantes „Guten Morgen, liebe Studenten“ ins Mikrofon zu spotten. Die Schlagzahl im Studium hat sich erhöht. Keine Zeit mehr, nach rechts und links zu schauen. Wegen der durch ein enger getaktetes Pensum wegfallenden Freiräume dürfte das lange Ausschlafen ein eher seltener Luxus geworden sein. Auch spielt die Tatsache, dass die Studenten wegen der kürzeren Gymnasialzeit früher an die Uni gehen, eine Rolle. Da überrascht es kaum, dass heute weniger Studierende bereits von zu Hause abgenabelt sind und auf eigenen Beinen stehen. Sie geraten gewissermaßen von einem Akkord-Lernbetrieb in den nächsten. Begleitet von wohlmeinenden Eltern, die ihre Fürsorge mitunter übertreiben — aus Angst um die Karriere des Kindes, die man oft bereits während der Schulzeit im Auge hat.

Nur auf den ersten Blick vermag da ein Ergebnis der Stress-Befragung unter 18 000 Studierenden zu überraschen. Ausgerechnet diejenigen, die sich mit einem Job Geld neben dem Studium verdienen müssen (auch das gibt es übrigens schon immer!) fühlen sich weniger gestresst als diejenigen, die sich ganz auf ihr Studium konzentrieren. Dabei haben sie durch ihre Doppelbelastung doch noch weniger Zeit. Und daher noch mehr Stress, sollte man meinen. Doch es ist gerade umgekehrt. Es ist wohl der Ausgleich, der Abstand zum Studium oder, wie es auf Neudeutsch heißt, die bessere Work-Life-Balance, die diese Kommilitonen entspannter sein lässt. Und: Die zusätzlich gesammelte praktische Lebenserfahrung ist auch im späteren Berufsleben von Vorteil.